Über eine Reise mit Lilla Cabot Perry
Am Morgen ihres 50. Geburtstags, dem 13. Januar 1898, sitzt Lilla Cabot Perry in ihrem Arbeitszimmer in Boston. Die Winterluft ist klar, und draußen fällt Schnee. Sie ist eine Frau, die bereits viel erlebt hat: geboren in eine einflussreiche Bostoner Familie, geprägt von literarischen Salons, später Schülerin der europäischen Kunstwelt, Freundin Claude Monets und Vermittlerin des Impressionismus zwischen Frankreich, den USA und Japan.
Doch an diesem Tag denkt sie nicht an Ausstellungen, nicht an ihre Reisen, nicht an die Malerei. Sie denkt an eine Schneeflocke.
Die Reise der Schneeflocke
In ihrer Vorstellung löst sich eine winzige Flocke aus einer Wolke.
Langsam, tanzend, schwebend.
Ein Kristall, so einzigartig wie ein Fingerabdruck.
Lilla spürt, wie diese Flocke sich ihrer Einmaligkeit bewusst ist — und zugleich ahnt, dass niemand sie je wirklich sehen wird. Denn sobald sie den Boden berührt, wird sie Teil einer weißen Decke, verschmilzt mit Millionen anderer Formen.
Die Schneeflocke erschrickt.
Sie fragt die Flocken neben sich: „Ist es nicht traurig, dass niemand mehr weiß, wie wir ausgesehen haben?“
Doch ihre Nachbarn lächeln müde: „Wir sind froh, dass wir nach diesem langen Weg endlich ruhen dürfen.“
Druck, Wandel, Auflösung
Lilla denkt weiter. Menschen laufen über die Schneedecke, pressen die Flocken zusammen.
Formen verschwinden.
Strukturen brechen.
Ein kurzer Stich geht durch ihr Herz — wie oft hat sie selbst das Gefühl gehabt, dass äußere Kräfte ihre eigene Form bedrängen?
Als Frau in der Kunstwelt, als Mutter, als Reisende zwischen Kulturen?
Und dann kommt der nächste Gedanke: Der Frühling.
Die Wärme.
Das Schmelzen.
Zerstörung?
Zunächst ja.
Doch plötzlich erkennt sie: Es ist kein Ende.
Es ist Verwandlung.
Die Schneeflocke wird zu Wasser.
Sie fließt, verbindet sich, wird Teil eines Baches, eines Flusses, eines Meeres.
Und irgendwann steigt sie wieder auf — als Wassermolekül, das gemeinsam mit anderen eine Wolke bildet.
Ein Kreislauf.
Ein Weiterleben in anderer Form.
Ein Bild, das Lilla tief berührt. Sie spürt tiefe Dankbarkeit: für das Werden, das Vergehen, das Wiederkehren.
Für die Möglichkeit, sich immer wieder neu zu formen — in der Kunst wie im Leben.
Wenn Lilla Cabot Perry an diesem Tag aus dem Fenster blickte, hätte sie vielleicht genau das gesehen, was die Grußkarte „Tannenbaum im Winter“ zeigt:
- Einen grünen Tannenbaum, standhaft im Schnee, gestickt aus schimmerndem Seidengarn.
- Die heilige Agatha im Hintergrund, eine stille Hüterin von Wandlung, Mut und innerer Stärke.
Der Tannenbaum bleibt grün, selbst wenn die Schneeflocken kommen und gehen. Er trägt sie, er schützt sie, er nimmt sie auf — so wie die Erde jeden Wandel trägt. Und Agatha, die Patronin der Standhaftigkeit, könnte Lilla zuflüstern: „Nichts geht verloren. Alles verwandelt sich.“
So wird die Grußkarte zu einem stillen Echo von Lillas Erkenntnis: Dass jedes Leben — wie jede Schneeflocke — einzigartig ist, und dass seine Formen sich ändern dürfen, ohne je aufzuhören zu sein.
Quellen:
- Vgl. Wikipedia (₪): Lilla Cabot Perry, zuletzt besucht am 03.10.2023
- Vgl. Britannica, englisch (₪): Lilla Cabot Perry. American Artist, zuletzt besucht am 10.01.2026
- Vgl. National Museum of Women in the Arts, englisch (₪): Lilla Cabot Perry. 1848 to 1933, zuletzt besucht am 10.01.2026
Weiteres zum 13. Januar:
2013: In Paris endete die Retrospektive „Albrecht Dürer et son temps: De la Réforme à la guerre de Trente Ans“ im ENS des beaux-arts (vgl. „Weißdorn“).