Claude Monets Trauerraum
18. März 1891 – Das Licht im Zimmer war ein zartes, fast schwebendes Hellblau. Es lag wie ein Schleier über den Möbeln, über den Pinseln, die achtlos auf dem Tisch lagen, und über Claude Monets Händen, die sich kaum rührten. Die Nachricht war erst wenige Minuten alt, und doch fühlte sie sich an, als wäre sie aus einer anderen Welt herübergeweht: Louis Ernest Jean Hoschedé war tot.

Ernest Hoschedé, Radierung von Marcellin Desboutin, (1875, Gemeinfrei)
Monet saß auf einem Stuhl, der Stoff unter ihm kühl, und starrte auf die Wand, als könne er dort eine Erklärung finden. Aber das Hellblau des Raumes war zu sanft, zu friedlich, um den Riss zu fassen, der sich in ihm geöffnet hatte.
Er schloss die Augen.
Und sofort war er nicht mehr im hellblauen Zimmer.
Er war in einem dunkelblauen Raum, tief und schwer wie ein nächtlicher Ozean. Die Nachricht hatte ihn dorthin gestoßen, in diesen inneren Abgrund, in dem die Gedanken nicht klar waren, sondern wie kleine Farbfetzen durch die Dunkelheit trieben.
Ein Türkisblitz: Ihr erstes Treffen.
Ein violetter Schimmer: Hoschedés Begeisterung für seine Kunst, als kaum jemand an ihn glaubte.
Ein goldener Funken: Die gemeinsamen Gespräche über Licht, über Farbe, über das Flüchtige, das man festhalten wollte und doch nie ganz konnte.
Diese Erinnerungen waren keine vollständigen Bilder, eher Farbmuster, die kurz aufleuchteten und wieder verschwanden. Der Maler fühlte sich, als würde er in diesem dunkelblauen Raum treiben, ohne Halt, nur begleitet von diesen schimmernden Fragmenten.
Ernest.
Der Mann, der seine Werke gesammelt hatte, als sie noch niemand verstand.
Der Mann, der ihn unterstützt hatte, als Claude Monet selbst kaum wusste, ob er weitermalen konnte.
Der Mann, dessen Familie später mit seiner eigenen verschmolz, in Freundschaft, in Nähe, in all den komplizierten Verflechtungen des Lebens.
Monet öffnete die Augen wieder — und für einen Moment war es, als hätte sich die Luft im hellblauen Zimmer verändert.
Etwas Weißes formte sich vor seinem inneren Blick.
Nicht klar, nicht menschlich, nicht gegenständlich.
Eher ein abstraktes Gebilde, wie ein Wirbel aus Licht, das sich langsam sammelte, verdichtete, dann wieder ausfranste. Es war still, aber nicht leer. Es war wie ein Atemzug, der nicht mehr an einen Körper gebunden war.
Der Künstler wusste, dass er sich das vielleicht nur einbildete.
Aber er sah es dennoch: Die Seele von Ernest Hoschedé, die sich löste, die sich formte, die sich in etwas verwandelte, das jenseits von Farbe und Form lag.
Ein einziges Wort kam ihm in den Sinn.
Er flüsterte es, kaum hörbar, aber mit einer Gewissheit, die ihn selbst überraschte: „Transzendenz“.
Und in diesem Moment war der dunkelblaue Raum in ihm nicht mehr ganz so schwer.
Ein Hauch von Weiß mischte sich hinein — ein erstes, leises Versprechen von Frieden.
Weiteres zum 18. März:
1891: Einer der wichtigsten Unterstützer von Claude Monet, Ernest Hoschedé starb im Alter von 53 Jahren (vgl. „Candle in the snow“ und „Energieleuchter“).
2023: In Österreich begann die Ausstellung „Architekturmodelle aus dem Atelier Peter Zumthor“ im Werkraum Bregenzerwald (siehe auch: „Weißdorn“).