Letzte Betrachtung der Malerin
In der alten Kunstscheune von Hiddensee roch es nach Holz, Leinöl und dem feinen Staub vergangener Sommer. Margarete Macholz stand mitten im Raum, die Hände noch leicht mit Pigmenten bestäubt, und lauschte dem gedämpften Knacken der Balken über ihr. Es war einer dieser stillen Tage, an denen die Insel wie in sich selbst hineinhorchte – und Margarete tat es ihr gleich.
Ihr Blick glitt über die Fenster hinaus, dorthin, wo das Licht über die Dünen wanderte. Unwillkürlich dachte sie an Caspar David Friedrich, dessen Geist auf Rügen und den umliegenden Inseln noch immer zu spüren war. Sie hatte seine Wege oft nachverfolgt: die Kreidefelsen, die stillen Wälder, die einsamen Pfade, auf denen er die Welt nicht nur sah, sondern empfand.
Was sie an seiner Malweise besonders liebte, war dieses tiefe, fast ehrfürchtige Lauschen auf die Natur. Friedrich malte nicht einfach Landschaften – er malte Stimmungen, Übergänge, innere Räume. Seine Bilder waren wie Tore, durch die man in eine andere Art des Sehens eintreten konnte. Margarete bewunderte, wie er das Licht nicht als bloße Helligkeit verstand, sondern als seelische Qualität. Und wie er den Menschen darin verortete: klein, fragil, aber voller Staunen.
Sie erinnerte sich an seine Zeit auf Rügen, an die Skizzen, die er dort anfertigte, an die frühen Morgenstunden, in denen er das Meer beobachtete, als würde es ihm Geheimnisse zuflüstern. Vielleicht, dachte sie, war es genau dieses Lauschen, das sie mit ihm verband. Auch sie suchte in ihren Bildern nicht das Offensichtliche, sondern das, was zwischen den Dingen lag.
Ein Windstoß ließ die Tür der Kunstscheune erzittern. Margarete schloss kurz die Augen. Ihr Leben hatte sie weit getragen – von Hiddensee bis Dresden, wo sie am 19. Juni 1945 sterben sollte, in einer Stadt, die gerade erst aus den Trümmern aufzustehen begann. Doch hier, in diesem Moment, war sie ganz Gegenwart, ganz Künstlerin, ganz Seele.
Auf dem Tisch vor ihr lag eine kleine Skizze, die sie am Morgen begonnen hatte: zwei Engel, die einen Baum betrachteten. Über ihnen schwebte ein buntes Herz, leicht wie ein Atemzug. Die Szene erinnerte bewusst an Friedrichs „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ – dieses stille, kontemplative Nebeneinander, dieses gemeinsame Schauen in etwas Größeres hinein.
Margarete lächelte. Vielleicht, dachte sie, war dies ihre eigene kleine Hommage an den Meister der Romantik. Zwei Engel statt zweier Männer, ein Baum statt des Mondes – und doch dieselbe Haltung: ein stilles, liebevolles Betrachten der Welt. Ein Moment, in dem Herz und Natur miteinander sprechen.
So verband sich in ihrer Grußkarte „Zwei Engel betrachten einen Baum“ das Romantische mit dem Poetischen, Friedrichs Geist mit ihrer eigenen Handschrift. Und während draußen das Licht über die Insel wanderte, wusste Margarete, dass Kunst manchmal genau das ist: ein gemeinsames Hinschauen, über Zeiten hinweg.
Quelle:
Vgl. Stadtwiki DD (₪): Margarete Macholz, zuletzt besucht am 13.01.2026