Die Rolle des Auges in der Kunst ist seit Jahrhunderten zentral, denn jede Form visueller Kunst setzt das Sehen als Voraussetzung voraus. Wie die Forschung betont, „gibt es keine visuelle Kunst ohne das Auge, so wie keine Musik ohne das Ohr“.║1a Das Auge ist nicht nur ein physiologisches Werkzeug, sondern ein kulturell und symbolisch aufgeladenes Organ: Es vermittelt Wahrnehmung, lenkt Aufmerksamkeit, erzeugt emotionale Resonanz und ermöglicht ästhetische Erfahrung. Moderne Studien zeigen, dass die Betrachtung von Kunstwerken ein dynamischer Prozess ist, bei dem das Auge in ständiger Bewegung ist und durch sogenannte Sakkaden das Bild abtastet, wodurch Wahrnehmung überhaupt erst entsteht.║1b Gleichzeitig besitzt das Auge in der Kunstgeschichte eine starke metaphorische Bedeutung. Es steht für Erkenntnis, Bewusstsein, Intimität und Spiegelung. Wie das Art Institute of Chicago formuliert, sind Augen in Kunstwerken „Portale“, die emotionale und psychologische Tiefe eröffnen und den Betrachtenden in einen stillen Dialog mit der dargestellten Figur ziehen.║2 Der Blick kann Nähe schaffen, Distanz markieren oder Machtverhältnisse ausdrücken; er kann verzaubern, herausfordern oder entlarven. In vielen Epochen – von der Ikonenmalerei bis zur Moderne – fungiert das Auge als Symbol für Seele, Wahrheit oder Transzendenz.
Der spezielle Blick von Rilke auf das Auge
Für Rainer Maria Rilke hat das Auge eine besondere, oft paradoxe Bedeutung. In seinem Gedicht „Lösch mir die Augen aus“ formuliert er eine radikale Entkörperlichung: Selbst wenn ihm die Augen genommen würden, könne er dennoch sehen.║3 Dieses Sehen ist kein physisches, sondern ein inneres, geistiges oder spirituelles Sehen. Rainer Maria Rilke löst die Wahrnehmung von der Sinnesphysiologie und verlagert sie in eine innere Welt, in der Liebe, Erkenntnis und Existenz nicht an den Körper gebunden sind. Das Auge wird damit zum Symbol für eine begrenzte, äußere Wahrnehmung, die im Vergleich zur inneren Schau zweitrangig ist. Die innere Wahrnehmung – das „Herz“, das „Hirn“, das „Blut“ – wird beim Dichter zu einem umfassenderen Organ des Erkennens und Liebens. Diese Haltung fügt sich in Rilkes generelle poetische Welt, die stark von Transzendenz, Innerlichkeit und der Suche nach einem tieferen, geistigen Zugang zur Wirklichkeit geprägt ist, wie auch seine biografischen und poetologischen Reflexionen zeigen.║4
Rilkes Umgang mit dem Auge ist daher doppeldeutig: Einerseits erkennt er die Macht des Blicks und des Sehens als Teil menschlicher Erfahrung; andererseits überschreitet er diese Ebene bewusst, um eine höhere Form des Sehens zu formulieren, die nicht mehr an das physische Auge gebunden ist. Das Auge wird bei ihm zum Symbol für die Begrenztheit des äußeren Wahrnehmens – und zugleich zum Ausgangspunkt einer poetischen Bewegung hin zu einem inneren, essenziellen Sehen, das Liebe, Geist und Existenz miteinander verbindet.
Siehe auch:
Quellen:
1a, 1b: Vgl. Raphael Rosenberg, englisch (₪): Eye Tracking and Art History. Discurse Analysis and Experimental Research (PDF), in: Italian Academy – 1. Nov. 2023, zuletzt besucht am 09.01.2026
2: Vgl. Ashley F. Arico, Ian Gordon, Katherine Greenleaf, Ryan M. Pfeiffer, and Giovanni Verri; englisch (₪): Eyes in Art. There are not many eyes you can gaze into freely, in: Artic.Edu – 24.09.2024, zuletzt besucht am 09.01.2026
3: Vgl. abi-pur (₪): Lösch mir die Augen aus von Rainer Maria Rilke, zuletzt besucht am 09.01.2026
4: Vgl. Wikipedia (₪): Rainer Maria Rilke, zuletzt besucht am 09.01.2026
