Aus der frühen Sammlung „Wegwarten“ publizierte Rainer Maria Rilke sein Gedicht „Morgen“, dass zu jenen Texten gehört, in denen er den Moment des Erwachens als eine zarte, beinahe heilige Schwelle beschreibt. Der Morgen ist für ihn kein lauter Neubeginn, sondern ein tastendes, stilles Werden, in dem das Licht sich erst sammelt, bevor es die Welt berührt. Nichts ist schon entschieden; alles liegt in einem Zustand des Dazwischen, in dem die Seele sich neu ordnet. Diese frühe Rilke-Stimmung ist geprägt von einem Lauschen, einem Innehalten, einem Gefühl, dass der Tag nicht einfach beginnt, sondern sich annähert wie ein scheues Wesen. Der Mensch steht noch halb im Traum, halb im Bewusstsein, und gerade diese Unentschiedenheit macht den Morgen für Rilke zu einem Raum der inneren Sammlung.
Morgen.
Der Frühwind kommt. — Dem Schein
Des Lichts macht er die Bahn frei;
Keck wirft er einen Hahnschrei
In jeden Hof hinein.
Sonst ist im Dorf noch Ruh‘;
Nur hoch die Pappeln flüstern.
Die Luft lechzt lerchenlüstern
Dem roten Morgen zu.
Dieser Text ist Gemeinfrei.
Diese Atmosphäre findet ein klares Echo in der Grußkarte „Pssst“. Der Hintergrund der Karte zeigt einen harten Übergang zwischen Dunkel und Hell, doch beide Hälften sind in das gelbe Licht des Morgens getaucht – ein Licht, das nicht laut strahlt, sondern wie ein erster Atemzug wirkt. Dieser harte Schnitt wirkt wie ein eingefrorener Moment des Erwachens, ein visueller Halt zwischen zwei Zuständen. Genau wie bei Rilke ist dieser Übergang kein Ort des Handelns, sondern des Wahrnehmens. Die Karte ruft nicht nach Bewegung, sondern nach Stille.
Im Vordergrund steht das gleichschenklige Dreieck, in sechs Felder geteilt und in Rot und Violett bestickt – Farben, die Vitalität und Innerlichkeit verbinden. In seiner Mitte liegt ein dreiblättriges Kleeblatt, ein kleiner Glückskern, ein Zentrum, das wie der Herzpunkt des Morgens wirkt. Dieses Dreieck erscheint wie ein Altar der Sammlung, ein geometrischer Fokus, der die Aufmerksamkeit nach innen lenkt. Rilkes Morgen ist ebenfalls ein innerer Raum, ein Moment, in dem sich das Bewusstsein neu sortiert, bevor es sich der Welt öffnet.
Die gelbe Flamme an der oberen Spitze des Dreiecks, die zugleich eine Hand ist, bringt eine weitere Schicht hinzu: Sie wirkt wie ein lebendiger Funke, ein Bewusstseinslicht, das sich erhebt – und doch mahnt sie zur Stille. Der Finger auf der roten Lippe, dass „Pssst“, ist wie ein Schutzzauber über dem empfindlichen Moment des Beginns. Es ist, als würde die Karte sagen: „Noch nicht sprechen. Noch nicht handeln. Erst fühlen.“ Genau diese Haltung prägt Rilkes Morgen: ein Lauschen, bevor die Welt wieder laut wird.
Der silberne Umriss eines Kopfes, dessen Haare wie ein Vorhang fallen, verstärkt dieses Motiv des Zwischenraums. Ein Vorhang trennt zwei Welten – Schlaf und Wachheit, Innen und Außen, Traum und Tag. Rilkes Morgen ist genau dieser Vorhangmoment, ein Zustand, in dem die Grenze noch spürbar ist. Die Karte aus Fadendesign macht diesen Zustand sichtbar und bewacht ihn mit einer Geste der Stille.
Zwischen dem Gedicht von Rainer Maria Rilke und der Grußkarte entsteht ein feines Resonanzfeld. Beide erzählen vom heiklen Moment des Erwachens, der Stille braucht, bevor er sich entfalten darf. Beide zeigen, dass der Morgen nicht einfach ein Beginn ist, sondern ein Übergang, ein Raum, der geschützt werden will. Und beide erinnern daran, dass jeder Tag – wie jedes innere Werden – mit einem Moment des Lauschens beginnt, bevor das Licht wirklich Form annimmt.
Angaben zur Grußkarte:
Titel: Pssst!
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
1. Auflage: Februar 2026
Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria)
Quelle:
René Maria Rilke: Wegwarten (1), Selbstverlag, S. 6
