Rainer Maria Rilkes Gedicht „Judenfriedhof“, entstanden am 6. Oktober 1896 in München und später in dem Zyklus „Christus / Elf Visionen“ veröffentlicht, gehört zu den frühen Texten, in denen der junge Dichter seine religiöse Sensibilität, seine Faszination für Schwellenorte und seine Suche nach einer universalen, mystisch durchwirkten Bildsprache erprobt. Der jüdische Friedhof erscheint ihm nicht als bloßer Schauplatz, sondern als ein Raum verdichteter Geschichte, in dem Vergänglichkeit, Erinnerung und Transzendenz ineinander übergehen.
In dieser Phase seines Schaffens experimentiert Rainer Maria Rilke mit Visionen, die christliche Motive mit anderen religiösen und kulturellen Traditionen verweben. Der Friedhof wird so zu einem Ort, an dem das Unsichtbare in die Welt hineinragt — ein stilles Archiv vergangener Leben, aber auch ein Resonanzraum für spirituelle Fragen, die Rilke damals intensiv beschäftigten.
„Judenfriedhof“ steht damit exemplarisch für Rilkes frühe Versuche, das Heilige jenseits konfessioneller Grenzen zu denken. Das Gedicht lädt dazu ein, die Spuren der Geschichte zu betrachten und zugleich die feinen Übergänge zwischen Erde und Ewigkeit, Stein und Geist, Erinnerung und Vision wahrzunehmen.
Judenfriedhof
Ein Maienabend. – Und der Himmel flittert
vor lauter Lichte. Seine Marken glühn.
Die grauen Gräbersteine, moosverwittert,
deckt jetzt der Frühling mit dem besten Blühn;
so legt die Waise – und ihr Händchen zittert –
auf Mutters totes Antlitz junges Grün.
Hier dringt kein Laut her von der Straße Mühn,
fernab verlieren sich die Tramwaygleise,
und auf den weißen Wegen wandelt leise
ins rote Sterben träumerisch der Tag.
Der alte Judenfriedhof ists in Prag.
Und Dämmer sinkt ins winklige Gehöf,
drin Spiro schläft, der Held im Schlachtenschlagen,
und mancher weise Mann, von dem sie sagen,
daß zu der Sonne ihn sein Flug getragen,
voran der greise hohe Rabbi Löw,
um den noch heut verwaiste Jünger klagen.-
Jetzt wird ein Licht wach in des Torwarts Bude,
aus deren schlichtem Eisenschlote raucht
ein karges Mahl. – Bei Liwas Grabe taucht
jetzt langsam Jesus auf. Der arme Jude,
nicht der Erlöser, lächelnd und erlaucht.
Sein Aug ist voll von tausend Schmerzensnächten,
und seine schmale blasse Lippe haucht:
„Jehova – weh, wie hast du mich mißbraucht,
hier wo der treuste ruht von deinen Knechten,
hier will ich, greiser Gott, jetzt mit dir rechten! –
Denn um mit dir zu kämpfen kam ich her.
Wer hat dir Alles denn gegeben, wer? –
Der Alten Lehre hatte mancher Speer
aus Feindeshand ein blutend Mal geschlagen, –
da brachte ich mein Glauben und mein Wagen,
da ließ ich neu dein stolzes Gottbild ragen
und gab ihm neue Züge, rein und hehr.
Und in der Menschen irres Wahngewimmel
warf deinen Namen ich – das große „Er“ .
Und dann von tausend Erdensorgen schwer
stieg meine Seele in den hohen Himmel,
und meine Seele fror; denn er war leer.
So warst du niemals – oder warst nicht mehr,
als ich Unsel`ger auf die Erde kam.
Was kümmerte mich auch der Menschheit Gram,
wenn du, der Gott, die Menschen nicht mehr scharst,
um deinen Thron. – Wenn gläubiges Gefleh
nur Irrsinn ist, du nie dich offenbarst,
weil du nicht bist. – Einst wähnt` ich, ich gesteh,
ich sei ‚die‘ Stimme deiner Weltidee……..
Mein Alles war mir, Vater, deine Näh…
Du Grausamer, und wenn du niemals warst,
so hätte meine Liebe und mein Weh
dich schaffen müssen bei Gethsemane.“
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Im Wärterhäuschen ist das Licht verlöscht.
Und in dem Bett von Gräbern breit umböscht
fließt schon des blauen Mondquells Wunderwelle.
Und Sterne schaun mit Kinderaugenhelle
verstohlen über schwarzen Giebelrand. –
Und Christus, zu des Rabbi Gruft gewandt:
„Dir auch gefiel es., Alter, manchen Spruch
zur Ehre jenes Gotts zusammzuschweißen.
Wer hat dich, morscher Tor, auch blättern heißen
in alten Psalmen und im Bibelbuch?
Du hast so viel gewußt, stehst im Geruch,
dich gar geheimer Weisheit zu befleißen.
Heraus damit jetzt! Weißt du keinen Fluch,
daß ich des Himmels blaues Lügentuch
mit seiner Schneide kann in Stücke reißen.
Hast du kein Feuer in den Dämmerungen
des Alchymistenherdes je entdeckt,
das fürchterlich und ewig unbezwungen
mit gierem Lecken seine Rachezungen
bis zu des Weltalls fernen Angel’n‘ streckt?
Kennst du kein Gift, das süß ist wie der Kuß
der Mutter, das nach seligem Genuß
den Ahnungslosen sicher töten muß.
O Glück, die ganze Welt so zu vergiften.
Weißt du kein Mittel, herben Haß zu stiften,
der jeden Mann zum wilden Raubtier macht?
Kannst du nicht ziehn in diese stillen Triften
die Schauerschrecken einer Völkerschlacht.
Kannst du nicht eine neue Lehre stiften,
die Wahnsinnswut in jeder Brust entfacht.
Ins Unbegrenzte steigre ihre Triebe
und sende Pest und sende Seuchenschwärme,
daß in des Lotterbettes feiler Wärme
die ganze Welt zugrund geht an der Liebe!“
Jach lacht er Hohn. Und in den stummen Steinen
gellts wie des wunden Wildes Sterbeschrei.
Es legt ein Reif sich auf den nächtgen Mai.
Ein schwarzer Falter zieht im Flug vorbei
und er sieht Christum einsam knien und weinen.
Dieser Text ist Gemeinfrei.
Rainer Maria Rilkes Gedicht öffnet einen Raum der Stille, in dem Erinnerung, Geschichte und das Unsichtbare ineinander übergehen. Der Friedhof erscheint ihm als Schwellenort, an dem die Zeit sedimentiert und das Vergangene in einer fast atmenden Präsenz weiterwirkt. Diese Atmosphäre eines verdichteten Zwischenraums findet man auch auf der Grußkarte „Energieleuchter“ eine überraschende visuelle Entsprechung. Die beiden Claude Monet-Gemälde im Hintergrund – „Die Elster“ und „Boulevard des Capucines“ – bilden ein Spannungsfeld aus Ruhe und Bewegung, aus kontemplativer Weite und flüchtiger Lebendigkeit. „Die Elster“ zeigt eine winterliche Landschaft, in der Licht und Schnee die Welt in eine gedämpfte, beinahe heilige Stille tauchen; die einzelne Elster auf dem Zaun wirkt wie eine Hüterin des Übergangs, ein kleines Wesen, das zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem wacht. Ganz anders der „Boulevard des Capucines“, in dem der französische Maler das pulsierende Pariser Stadtleben in vibrierenden Pinselstrichen auflöst: Menschenmengen, die sich im Licht verflüchtigen, ein Moment, der im Entstehen schon wieder vergeht. Beide Bilder zusammen erzeugen eine Atmosphäre, die Rilkes Vision erstaunlich nahekommt – die Stille des Erinnerns und die Bewegung der Zeit, das Verharren und das Verfließen.
In dieses Spannungsfeld hinein leuchtet die rote, geschwungene Kerze aus Fadendesign im Vordergrund wie ein energetischer Faden, der die Ebenen miteinander verbindet. Sie wirkt wie ein lebendiger Leuchter, der das Unsichtbare sichtbar macht und dem Raum eine innere Wärme verleiht. Während Rainer Maria Rilke im Gedicht das Heilige im Stein, im Verborgenen, im Schweigen sucht, bringt die Kerze dieses innere Leuchten in die Gegenwart: Sie verwandelt den Ort der Erinnerung in einen Ort der Energie, der nicht nur bewahrt, sondern belebt. So entsteht ein poetischer Zusammenhang zwischen Rilkes Friedhofsvision, Monets Spiel aus Licht und Wahrnehmung und der Gestaltung der Karte: ein gemeinsamer Raum, in dem Stille, Bewegung und spirituelles Leuchten miteinander in Resonanz treten.
Angaben zur Grußkarte:
Titel: Energieleuchter
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
Auflage: Januar 2026
Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria), Kalenderblatt (vermutlich Made in Germany)
Quellen:
- Rilke, Rainer Maria: Christus. Elf Visionen. In: Sämtliche Werke. Band 1: Gedichte 1895–1902. Frankfurt am Main: Insel Verlag.
- Kippenberg, Hans (Hg.): Rainer Maria Rilke. Werke. München: Winkler Verlag.
- Entstehungsdatum 6. Oktober 1896, München – dokumentiert in Rilkes frühen Notizbüchern und Briefen (vgl. Rilke: Briefe aus den Jahren 1892–1906, Insel Verlag).
- Rilke-Arbeitsstelle (₪): Osnabrück (Quellenrepertorium), zuletzt besucht am 09.11.2025
- Musée d’Orsay (₪): offizielle Museumsseite, zuletzt besucht am 09.11.2025
- Galerie Mont-Blanc (₪): Die Elster – Claude Monet, zuletzt besucht am 06.01.2026
- Galerie Mont-Blanc (₪): Boulevard des Capucines – Claude Monet, zuletzt besucht am 06.01.2026
