Wann

Januar 2, 2026    
Ganztägig

Veranstaltungstyp

Paris, um 1860. Die Stadt rauschte wie ein unruhiger Fluss aus Stimmen, Gerüchten und neugierigen Blicken. Besonders laut war das Geflüster rund um die Salons der Prinzessin Mathilde Bonaparte. Man munkelte, man tuschelte, man verzog die Lippen zu missbilligenden Linien: „Eine Bonaparte und ein Bildhauer? Und dann noch dieser Nieuwerkerke?“

Doch Mathilde Bonaparte und Alfred Émilien O’Hara, Comte de Nieuwerkerke, schritten unbeirrt durch dieses Rauschen. Für sie war die Welt ein Atelier, kein Tribunal. Und so trafen sie sich an einem milden Nachmittag im Wintergarten ihres Palais, wo das Licht durch die hohen Fenster fiel wie ein angenehmer Segen.
Mathilde hielt ein kleines Aquarell in der Hand, dass sie am Morgen begonnen hatte. Die Farben waren noch feucht, zart wie Atemzüge. „Weißt du, Alfred,“ begann sie, „Aquarell ist wie ein Geheimnis. Man kann es nicht zwingen. Das Wasser trägt die Farbe, nicht die Hand.“
Nieuwerkerke lächelte, während er ein Stück Marmor betrachtete, das er mitgebracht hatte — ein unförmiger Block, der für ihn bereits eine Gestalt in sich trug. „In der Bildhauerei ist es fast umgekehrt,“ antwortete er. „Der Stein widersetzt sich. Er verlangt Geduld, Kraft, Entschlossenheit. Und doch…“ Er strich über die raue Oberfläche. „Auch er hat seinen eigenen Willen. Wenn ich zu hart vorgehe, bricht er. Wenn ich zu zaghaft bin, bleibt er stumm.“
Mathilde legte ihr Aquarell beiseite. „Vielleicht ist das der Unterschied zwischen unseren Künsten. Meine Farben fließen, deine Formen widerstehen.“
„Und doch,“ sagte Alfred, „suchen wir beide dasselbe: das Unsichtbare sichtbar zu machen.“
Sie schwiegen einen Moment, während draußen die Kutschen über das Kopfsteinpflaster klapperten und das Stadtgeflüster weiter seine kleinen Skandale webte.
„Die Leute reden,“ murmelte Mathilde schließlich.
„Sie reden immer,“ erwiderte Alfred. „Aber Kunst — und Liebe — lassen sich nicht von Stimmen lenken, die nicht verstehen, was sie sehen.“

Als Mathilde später allein im Salon stand, betrachtete sie zwei schlanke Säulen, die den Durchgang zum Wintergarten rahmten. Das Licht ließ sie fast hellviolett schimmern. Oben verband ein florales Ornament die beiden — eine stilisierte Lotosblüte, Symbol der Wiedergeburt, der Reinheit, des inneren Aufstiegs.
Sie dachte an Alfred.
An ihre Gespräche.
An die Kunst, die sie trug, wenn die Welt sie nicht verstand.
Und in diesem Moment wurde ihr klar:
Liebe ist wie zwei Säulen, die einander nicht berühren müssen, um gemeinsam etwas Höheres zu tragen.
Und Kunst ist die Lotosblüte darüber — das, was verbindet, erhebt und still leuchtet, selbst wenn um einen herum das Stadtgeflüster rauscht.

So wird die Grußkarte „Getragen sein“ zu einem stillen Echo ihrer Geschichte: Zwei Wesen, zwei Kräfte, zwei Künste — getragen von etwas Größerem, das sie verbindet, ohne sie zu fesseln.

Mathilde Bonaparte starb am 2. Januar 1904 im Alter von 83 Jahren in Paris.


Quelle:
Vgl. Wikipedia (): Mathilde Bonaparte, zuletzt besucht am 01.01.2026 


Weiteres zum 2. Januar:

1796: Caspar David Friedrich wurde in seinem Studium in die Gipsklasse versetzt. Für ihn begann nun das Zeichnen von Abgüssen antiker Skulpturen. Caspar David Friedrich inspirierte mich zu den Grußkarten „Licht im Elbtal“, „Ostern im Greifswalder Bodden“, „Lindenblatt“, „Tannenbaum“, „Tannenbaum im Winter“ und „Zwei Engel betrachten einen Baum“.

1798: Caspar David Friedrich bekam ab nun in seinem Studium durch Andreas Weidenhaupt, Johannes Wiedewlt und Nicolai Abildgaard die Arbeit am lebenden Modell vermittelt.