Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Narr“ aus dem Zyklus „Christus / Elf Visionen“ offenbart auf eindrucksvolle Weise seine persönliche, mystische Gottesvorstellung – eine, die sich fernab kirchlicher Dogmatik entfaltet und stattdessen in der inneren Erfahrung, im Mitgefühl und in der kindlichen Offenheit wurzelt. Der „Narr“, eine Christusfigur in zerlumptem Mantel, erscheint nicht als triumphierender Erlöser, sondern als leidender, liebender Mensch – arm, verkannt, aber voller zärtlicher Nähe. Er wird von den Kindern verspottet, gejagt, gefürchtet – und doch ist es gerade das kleine, arme Mädchen Anna, das in der Begegnung mit ihm eine tiefe Wandlung erfährt.
Der Narr
Der Turm ruft in gewohnter Pose
den Mittag aus. Ins Sommerglühn
prallt schon die Kinderschar, die lose,
heraus vom Schulbankplattengrün:
So brechen wohl nach bangem Mühn
gefangne Falter freiheitskühn
aus dumpfer, grüner Forscherdose
und suchen eine rote Rose
und schwärmen werbend um ihr Blühn. –
Die Buben bilden kleine Truppen,
es wird gerauft, es wird marschiert,
wenn hurtig zu der Mutter Suppen
auch schon so mancher desertiert.
Die Mädel aber stehn wie Puppen
im Auslagfenster des Bazars
beisamm in bunten Plaudergruppen.
Und wagt ein Kleiner sie zu stuppen
am Zopfbandzipfel ihres Haars,
dann wenden sie sich: Welcher wars?
Und meistens flieht der junge Mars
vor ihrem Zürnen um die Ecke.
Und bei Geplauder und Genecke
verflattert mählich erst der Schwarm. –
Die kleine Anna, blond und arm,
packt jetzt als ob sie was entdecke
die nächste Freundin wie im Schrecke
und weist scheu flüsternd nach der Hecke
und ruft dann etwas. Wie Alarm
fährts in die Schar; der ganze Haufen
zerstiebt. Ein Stoßen und ein Laufen,
ein Wortgewirr, ein Stimmgeschnarr:
„Der Narr.“
„Kinder!“
Und geschwinder
stürzt er herbei.
Ins Geschrei.
„Halt.“
Seine hohe Gestalt
mit dem blassen Gesicht
ist immer dicht
hinter der Flucht.
Er sucht.
Mit den gekrallten
sehnenden Händen,
mit den kalten
Augen, die blenden,
will er sie halten,
will er sie wenden.
Flatternd in Falten
wallt er um die Lenden
der Mantel. Die Lode
hemmt ihm die Flucht.
Bleich wie im Tode
steht er und sucht.
Und die Kinder entsetzt
und in Hitze gehetzt
hasten vorbei.
Auch Anna. Und jetzt,
er schaut sie – ein Schrei.
Er bricht durch die Reih
und faßt sie und fetzt
ihr das Kleidchen entzwei:
„Steh!“
Und dem armen Kind ist zum Sterben weh.
Rings schaut es nach Hilfe. Doch schreckenjäh
ist der Schwarm in den Gassen und Gärten zerstoben.
Und bebend hebt sie die Augen nach oben
bang und beklemmt.
Hat er ein Wunder getan?
Sie staunt ihn an:
die Augen des Fremden sind ihr nicht fremd.
Und es überkommt sie ein großes Vertraun.
Ihr ist: als wär sie lang krank gewesen,
hätt müssen zur dumpfigen Decke schaun
und dürfte des lachenden Blicks Genesen
zum Himmel nun heben, zum maitagblaun.
Sie fühlt: er läßt seine Rechte sinken
auf ihren Scheitel und kost ihn still,
und sie hascht wie im Traum nach der fiebernden Linken,
weil sie sie küssen will….
Doch die Hand entflieht ihr hastig und heiß,
auf die langenden Händchen fällt eine Träne,
und die fremden Lippen fragen sie leis:
„Heißt deine Mutter nicht Magdalene?“
„Ja.“
Und die fremden Lippen fragen so warm:
„Ist sie sehr arm?“
„Ja.“
Und Lippen klingen wie Glockenerz:
„Hat sie viel Schmerz?“
„Ja.
Weil ich sie oft tief in der späten
Nacht noch sitzen und weinen sah.“
„Kannst du auch beten?“
„Ja.“
„Betest du denn auch für deinen Papa?“
„Ja.“
„Tu`s.“
„Aber wo ist mein Papa… weißt du`s?“
Und da hebt der Fremde das Kind empor.
Seine Stimme ist wie ein Vogelchor
der sich tief in erblühtem Jasmin verlor:
„Sag mir einmal das Wort noch vor!“
„Was?“
„Das.“
„Papa?“
„Ja.“
Und sein Ja ist ein jubelnder Siegessang.
Er küßt dem Kinde die Stirne lang,
er küßt dem Kinde die Augen blank;
sein Kuß ist Liebe, sein Kuß ist Dank.
Und er stellt das Kind wieder leis auf die Steine
und spricht: „Ich kann dir nichts geben, Kleine -„
Ein müdes Lächeln nur wirft er ihm zu:
„Ich bin ja viel ärmer als du….“
Es war ein Weinen, wie er das sprach.
Und er winkt noch einmal leis mit der Hand
und geht. Er geht durch das heiße Land
wie ein Bettler im schlotternden Lodengewand
und doch wie ein König so stolz und groß.
Und sie haben ihn immer „der Narr“ genannt.
Und Anna steht lange, wie traumgebannt
staunt sie ihm nach,
dann stürmt sie nach Hause atemlos. –
Der Mutter Alles zu sagen, sie scheuts.
Doch plötzlich sagt sie beim Schlafengehn:
„Du, Mutter, ich hab einen Mann gesehn,
der war – wie der Mann am Kreuz….„
Dieser Text ist Gemeinfrei.
Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Narr“ aus „Christus / Elf Visionen“ zeigt die ambivalente Haltung des Dichters gegenüber der christlichen Tradition. Der Narr verspottet Christus und doch spricht er, ohne es zu wissen, eine verborgene Wahrheit aus. In dieser Figur liegt das Paradox, das Rilke so sehr beschäftigt: das Heilige erscheint oft im Lächerlichen, die Offenbarung im Spott, die Schwelle zwischen Blindheit und Erkenntnis. Genau dieses Motiv der Schwelle lässt sich mit der Grußkarte „Schmetterling vor der Tür“ verbinden. Die blaue Tür markiert den Übergang zwischen Innen und Außen, zwischen dem Profanen und dem Geheimnisvollen. Über ihr blüht ein roter Rosenstrauch, Sinnbild für Liebe, Opfer und Leidenschaft, das im christlichen Kontext zugleich an die Passion erinnert. Das alte Haus trägt die Spuren der Zeit, wie die überlieferten Institutionen der Religion, die Schutz und Begrenzung zugleich sind. Vor dieser Tür schwebt der Schmetterling, aus weißem Seidengarn gestickt, ein zartes Zeichen der Verwandlung und Auferstehung. So wie Rainer Maria Rilke das Heilige nicht in dogmatischer Klarheit, sondern im Spiel der Symbole erfahrbar macht, vereint die Karte Gegensätze: das Alte und das Zarte, die schwere Rose und den leichten Schmetterling, die verschlossene Tür und das Versprechen des Übergangs. In dieser Verbindung wird sichtbar, dass das Geheimnis des Glaubens nicht in eindeutigen Antworten liegt, sondern im poetischen Moment, wenn ein Schmetterling vor einer Tür erscheint und die Schwelle zum Unsichtbaren andeutet.
Angaben zur Grußkarte:
Titel: Schmetterling vor der Tür
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
1. Auflage: August 2025
Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria), Kalenderblatt (vermutlich Made in Germany)
Quellen:
- Rainer Maria Rilke: Christus. Elf Visionen. In: Sämtliche Werke. Band 1: Gedichte 1895–1902. Frankfurt am Main: Insel Verlag.
- Wolfgang Fenske (₪): Gott in Gedichten, in: Blog: Wolfgang Fenske vom 7. Juni 2020, zuletzt besucht am 30.09.2025
