Rainer Maria Rilkes Gedicht „Jahrmarkt“, entstanden am 9. Oktober 1896 in München, gehört zu seinem frühen Zyklus „Christus / Elf Visionen“, in dem der junge Dichter religiöse Bildwelten, existenzielle Fragen und symbolische Szenen miteinander verwebt. „Jahrmarkt“ zeigt bereits jene charakteristische Mischung aus Sensibilität, innerer Schau und atmosphärischer Verdichtung, die Rilkes späteres Werk prägen sollte.

In der scheinbar alltäglichen Szenerie eines Jahrmarkts entdeckt Rainer Maria Rilke eine spirituelle Tiefenschicht: Das bunte Treiben wird zum Spiegel menschlicher Sehnsüchte, Verirrungen und Hoffnungen. Die Visionen des Christus‑Zyklus sind keine dogmatischen Bekenntnisse, sondern poetische Erkundungen — tastende Versuche, das Heilige im Profanen aufzuspüren.
Gerade weil „Jahrmarkt“ in einer frühen Schaffensphase entstand, lässt sich hier beobachten, wie Rainer Maria Rilke beginnt, äußere Bilder in innere Landschaften zu verwandeln. Das Gedicht steht damit an einer Schwelle: zwischen Jugendstil‑Empfindsamkeit und der späteren metaphysischen Strenge, zwischen Beobachtung und Vision, zwischen Welt und Transzendenz.

Jahrmarkt

Das war in München beim Oktoberfeste,
da die Theresienwiese voll vom Schrein
und Schwall der Schauer ist. Da bunte Gäste
aus der Provinz der Kunst der Rindermäste
verständnisvoll ein Mundvoll Worte leihn.
Die kleinen Mädchen, flüchtig ihrem Neste,
durchschwirren keck den lauten Tag zu zwein,
und Bursche mit der bunten Lodenweste
und ziere Stadtherrn bengeln hinterdrein.
Dazwischen drängen Wagen und betreßte
urdumme Kutscher, blinzende Lakein,
Fuhrleute dann, die in ihre längstgenäßte
gepichte Kehle tüchtig spülen. Kein
Verdroßner stört, und allen schiens das Beste,
daß man sich prall und gar so prächtig preßte
durch diese bauernbunten Budenreihn.
Bier gabs und Wein in Strömen allerorten,
und viel Verständge prüften dran; es ließ
die Blume gelten der und der die Borten.
Marktschreier prahlten an den Bretterpforten
und priesen ihre Wunder weit mit Worten,
als wären sie mit Noah und Konsorten
zurückgekehrt ins echte Paradies.-
An kleinern Ständen bot man Trauben, Torten
und Würste aus; geduldige Hühner schmorten
sich einen goldnen Panzer an am Spieß.
Und drüben stand bewehrt ein schwarzer Tell,
ein Wilder, und vergaß das Schreienmüssen
vor lauter Gieren nach den Kokosnüssen.
Da schob ein Zwerg, ein drolliger Gesell,
mit Grinsemiene sich vorüber, schnell
war dort die ganze Menge hingerissen
zur Wellenschaukel und zum Karussell.
Und wo sie eine rote Fahne hissen,
dort reißt auf grellverhangenem Gestell
dummdreiste Witze der Polichinell.
Die große Trommel hat er durch geschlissen
und trommelt jetzt trotz tausend Hindernissen
mit seinem unverschämten wilden Wissen
dem lieben Publikum das Trommelfell.

Laut lachend ließ gefallen sichs ein jeder.

Auch ich ging ziellos durch das Weggeäder
und blinzte müßig in das volle Licht,
und manchmal fuhr ich wie so mancher Wicht
der Schönen, die just kam, ins Angesicht
mit meiner kühnen, kecken Pfauenfeder.
Und hinterher konnt` noch ein Silberkichern
von blütenfrischen Lippen mir versichern:
die liebe Kleine grollte nicht. –
Dann gabs ein Ängsten, wenn wo Fässerfuhren
mit plumpen Pferden furchten wegentlang:
Die Menge drängte in die Räderspuren,
da schrie ein Kind, ein Bursche sang, da sprang
ein Mädel, dem entfernter Walzertouren
ersehnter Zauber in die Beine drang.
Und was nur immer klingen konnte, klang,
vom Waldhornsolo bis zum Bumerang
dort vor den Buden mit den Wachsfiguren.
Wie ich mich so durch das Getümmel wand,
da stand ich plötzlich an der Wiese Rand
vor einer Bude. Überm Eingang stand
in kargen Lettern zaghaft und bescheiden:
„Das Leben Jesu Christi und sein Leiden.“
Und – ich weiß nicht warum, ich trat hinein.
Schon hielt ich in der Hand den blauen Schein,
der für zehn Pfennig Einlaß mir gewährte.
Ich fragte mich, was den Besitzer nährte;
denn in der Bude war ich ganz allein.

Wer mochte dem  auch hier sein Denken weihn,
dem Mann, von dem der Katechet ihm lehrte,
daß Buße er gepredigt und Kastein
und daß ein großes Leiden ihn verzehrte.

Da sah ich nun des heilgen Kinds Geburt
und dann die Flucht, da Josef durch die Furt
des Flusses lenkt das Maultier mit Marien,
den Tempel dann, drin ob der Theorien
des Knaben mancher Pharisäer murrt,
und dann den Einzug in Jerusalem,
wo er, – zu fragen meidet er, bei wem –
bei schlichten Leuten unter Sünden wohnt
und jeden Willen reich mit Wundern lohnt.
Dann jener Tag, da er sein deo natus
dem Volk entgegenschleudert, und Pilatus
sogar den Richtern Milde rät,
bis, weil das Volk zu sänftigen zu spät,
des Bleichen dornbekränzte Majestät
schmerzedel auf der Balustrade steht,
daß Mitleid selbst des Römers Herz durchweht
und er verwirrt sein „Ecce homo“ fleht….
Umsonst. Es brüllt der Pöbel ungestüm:
Ans Kreuz mit ihm!

Dann kamen alle Greuel jenes Tags,
da er, verurteilt von des Reichs Verwesern,
ans Holz geheftet wurde wilden Schlags:
Nacht brach herein, und in den Wolken lags
wie Racherufe von Posaunenbläsern,
und fremde Vögel gierten nach den Äsern,
und statt des Taus war Blut an allen Gräsern.-

Jetzt starrten beide Schächer hier so gläsern
mich an; es glänzte ihrer Stirnen Wachs.-
Doch Christi Auge, klufttief, todesdunkel,
erlohte in so täuschendem Gefunkel,
daß alles Blut mir heiß zum Herzen schoß:
Der gelbe Wachsgott öffnete und schloß
das Lid, das, bläulich dünn, den Blick verhängte;
der enge, wunde Brustkorb hob und senkte
sich leise, leise, und die schwammgetränkte,
todblasse Lippe schien ein Wort zu fassen,
das sehnend sich durch starre Zähne drängte:
„Mein Gott, mein Gott – was hast du mich verlassen?“
Und wie ich zu entsetzt, daß ich des Sinns
des dunkeltiefen Dulderworts verstände,
nur steh und steh und nicht das Auge wende,-
da lösen leise seine weißen Hände
sich von dem Kreuze, und er stöhnt: „Ich bins.“
Lang lausch ich nach, und es verklingt sein Spruch,-
ich schau die Wände rings von grellem Tuch
bedeckt und fühle diesen Jahrmarktstrug
mit seinem Lampenöl- und Wachsgeruch.
Da haucht er wieder her: Das ist mein Fluch.
Seit mich, von ihrem eitlen Glaubensprahlen
betört, die Jünger aus dem Grabe stahlen,
giebts keine Grube mehr, die mich behält.
Solang aus Bächen Sterne widerstrahlen,
solang die Sonne zu erlösten Talen
den Frühling ruft mit seinen Bacchanalen,
so lange muß ich weiter durch die Welt.
Von Kreuz zu Kreuze muß ich Buße zahlen:
wo sie ein Querholz in (den) Boden pfahlen,
dort muß ich hin auf blutigen Sandalen
und bin der Sklave meiner alten Qualen,
mir wachsen Nägel aus den Wundenmalen,
und die Minuten pressen mich ans Kreuz.

So leb ich, ewig sterbend, meines Heuts
maßlose Reue. Krank und lang entkräftet,
da in der Kirche Kälte festgeheftet,
dort in dem Prunk profaner Jahrmarktsbuden;
ohnmächtig heut und doch gebetumschmachtet,
ohnmächtig morgen und dabei verachtet,
ohnmächtig ewig in der Sonnenhelle
des Kreuzwegs wie im Frieren der Kapelle.
So treib ich wie ein welkes Blatt umher.
Kennst du die Sage von dem Ewigen Juden?
Ich selbst bin jener alte Ahasver,
der täglich stirbt um täglich neu zu leben;
mein Sehnen ist ein nächtig-weites  Meer,
ich kann ihm Marken nicht noch Morgen geben.
Das ist die Rache derer, die verdarben
an meinem Wort. Die opfernd für mich starben,
sie drängen hinter mir in weiten Reihn.
Horch! Ihre Schritte! – Horch! Ihr kreischend Schrein….

Doch eine große Rache nenn ich mein:
Ich weiß, bei jedem neuen Herbste warben
die Menschen um den Saft, den feuerfarben
die roten Reben ihrer Freude leihn.
Mein Blut fließt ewig aus den Nagelnarben,
und alle glauben es: mein Blut ist Wein,
und trinken Gift und Glut in sich hinein…

Mich hielt das fürchterliche Prophezein
in bangem Bann. Aus hilfloser Hypnose
riß mich die Menge, die vorüberschwamm.
Ein Schwarm trat ein und fand sich mit Getose
bei jener ersten Gruppe just zusamm,
und vor mir hing der gelbe regungslose
Gekreuzigte in wächsner  Jahrmarktspose
an seinem Stamm.

Dieser Text ist Gemeinfrei.

Rainer Maria Rilkes Gedicht „Jahrmarkt“ zeigt eine Welt voller Bewegung, Stimmen und flüchtiger Eindrücke, einen Ort, an dem das Äußere laut wird und das Innere sich behaupten muss. Der Jahrmarkt steht beim Dichter sinnbildlich für das menschliche Leben im Trubel: für Ablenkung, Sehnsucht, Überforderung und zugleich für die Möglichkeit, hinter all dem Lärm etwas Wesentliches zu entdecken. Die Grußkarte „Im Garten“ bildet dazu einen meditativen Gegenpol. Während der Jahrmarkt von grellen Reizen und unruhiger Bewegung geprägt ist, öffnet der Garten einen Raum der Sammlung. Die zarte Apfelblüte im Vordergrund, gestickt mit weißem Seidengarn, lenkt den Blick auf das Kleine und Wesentliche, das sich nicht aufdrängt, sondern still da ist. Der Liegestuhl im Hintergrund lädt zu jener inneren Haltung ein, die Rainer Maria Rilke in seinen Visionen immer wieder sucht: ein Innehalten, ein Lauschen, ein Zurückfinden zu sich selbst. So entsteht ein feiner symbolischer Bogen zwischen beiden Bildern. Der Jahrmarkt zeigt die Welt, wie sie uns überwältigt, der Garten zeigt die Welt, wie sie uns wieder zu uns selbst zurückführt. Beide erzählen von derselben menschlichen Bewegung — vom Durchqueren des Äußeren hin zum Finden des Inneren — und die Apfelblüte wird dabei zum stillen Gegenbild des Jahrmarkts, ein kleines weißes Zentrum, das Tiefe schenkt, gerade weil es nicht laut wird.

Angaben zur Grußkarte:
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Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
Auflage: August 2025

Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria), Kalenderblatt (vermutlich Made in Germany)


Quellen:

  • Rainer Maria Rilke: Christus. Elf Visionen. In: Sämtliche Werke. Band 1: Gedichte 1895–1902. Frankfurt am Main: Insel Verlag.
  • Rilke.de (): Jahrmarkt, zuletzt besucht am 09.11.2025