Rainer Maria Rilkes Gedicht „Die Nacht“ aus dem Zyklus „Christus / Elf Visionen“ gehört zu jenen Texten, in denen der Dichter seine zutiefst persönliche, mystisch gefärbte Religiosität entfaltet. Er nähert sich dem Christentum nicht dogmatisch, sondern existenziell: Für ihn ist das Religiöse weniger eine Lehre als ein innerer Raum, in dem Mensch und Göttliches einander berühren. In „Die Nacht“ wird diese Haltung besonders spürbar. Die Nacht erscheint nicht als Bedrohung, sondern als ein heiliger Zwischenzustand — ein Moment, in dem die Welt still genug wird, damit das Göttliche sich zeigen kann. Der Dichter deutet Christus hier nicht als fernen Erlöser, sondern als eine geheimnisvolle, im Dunkel wachsende Gegenwart, die den Menschen verwandelt, indem sie ihn in die Tiefe seines eigenen Seins führt. So wird das Gedicht zu einer Vision des inneren Glaubens: einer religiösen Erfahrung, die weniger auf äußeren Ritualen beruht als auf der stillen, lauschenden Offenheit des Herzens.

Die Nacht

Nach Mitternacht ists. Dunkle Stunden gängeln
die Letzten heimwärts längs der Häuserreih.-
Nur im verrauchten Saale „Zu den Engeln“
auf dem verschoßnen Samtsitz lehnen Zwei.
Er und ein Weib. Und gelbe Kellner bengeln
müd, mürrisch mahnend an dem Tisch vorbei.
Ein Piccolo hockt an des Saales Ende
auf steilem Stuhle ganz von Schlaf verschneit.
Nur da und dort glühn trübe Lampenbrände,
in Rauch und Dämmer lösen sich die Wände,
und langsam durch die Wanduhr tropft die Zeit.-
Das Weib neigt sich zu dem Gefährten. Weit
giert aus dem wellengrellen Seidenkleid
die Sinnenhast der ewig kalten Hände:
„Was bist du denn so traurig fort, du, Blasser?
Ich glaube gar du bist ein Menschenhasser?
Schau, – ich bin schön und wir sind ganz allein…
Die Schönheit! Prosit! Aber – du – mit Wasser?…“
Und sie erweckt ein Echo: „Kellner, Wein!“
„Nein, du, ich will nicht trinken“, wehrt er ernst.
„Geh, Lieber, spare deine weisen Worte.
Willst du auch jetzt noch nicht? Schau her: die Sorte
Champagner! Schau! Ich wette daß du`s lernst.
Bist du kein Freund von solchen Bacchanalen?
Schau dieses Perlenkämpfen, wie das schäumt,
schau dieses Perlendämpfen, wie sichs bäumt:
Das ist der Weihrauch unsrer Kathedralen,
der prickelnd sickert aus opalnen Schalen!
Trink jetzt! Die Liebe lebe! „Ausgeträumt!-„ 
Und sie schlürft tief das Schaumgold des Pokals
und läßt ihn, leer, im roten Schimmer blinken,
und löst dann leise mit der weißen Linken
die schweren Falten ihres Schultershawls.
Und wie wenn sacht des Meeres Wellen sinken
und aus der Flut im Glanz des Mainachtstrahls
die Inseln tauchen mit den Silberzinken,
so schimmert jetzt im Wogenqualm des Saals
ihr Marmorhals. Und ihre Hände winken
dem blassen Nachbar, suchend sehnsuchtleis.
„Komm!“ lispelt sie „und willst du ewig säumen?“
Sie neigt sich näher und ihr Wort ist heiß:
„Noch bist du jung! Komm, sei kein Tor! ich weiß
was Beßres, als das Leben dumpf verträumen:
das Leben leben! Nimm dir deinen Preis.“
Da packt es ihn, den neidlos, freudlos Kalten,
und ganz im Bann verhaltener Gewalten
wird alle Kraft in seiner Seele frei.
Er faßt das Weib mit einem wilden Schrei
und seine Finger krallt er in die Falten,
und gleißend reißt das Seidenkleid entzwei.
Die irren Hände wuchten schwer wie Blei,
als wollt er aus dem Leib sich neu gestalten
ein Götterbild, das seiner würdig sei.
Um ihre Glieder brandet Raserei.
So stürmt der Sturzbach, den das Eis gehalten,
aus seiner dumpfen Dämmerschlucht herbei
und springt und ringt und greift in alle Spalten
und seine Liebe tötet fast den Mai.
Mit wildem Griff zerrt er den Vorhang zu,
und in der Luft sind nur die süßen Klagen,
die wie ein Jubel klingen aus den Tagen,
da keiner noch in schäumigem Getu
der Glieder Kraft in Fetzen eingeschlagen,
und jeder Wunsch war damals noch ein Wagen.-
Da fährt der blasse Mann aus schlaffer Ruh
und raunt dem müden Weibe glühend: „Du,“
er lauscht umher -, „ich muß dir etwas sagen.
Sie kamen einst mich bei Gericht verklagen.
Der Richter rief. Das war ein seltsam Fragen:
Ich hörs noch immer: Bist du Gottes Sohn?     
Ich kann nicht mehr begreifen dieses Sinns,
doch damals ließ ich schelten mich und schlagen
und dachte, aufgehetzt durch ihren Hohn,
es muß mein Stolz bis an die Sterne ragen.
Ich schrie sie an: Was wollt ihr? Ja, ich bins.
Zu meines Vaters Rechten ist mein Thron!
Was lachst du, Weib? So spei mir ins Gesicht,

ich weiß es, ich verdiene deinen Spott.
Und meine Reue. Nein, ich bin es nicht,
ich bin kein Gott!…“
                     „Du kannst nicht viel vertragen,
mein Lieber. Welch ein drolliges Gegirr.
Kaum wirbelt noch ein Glas dir aus dem Magen
zu Herz und Hirn, schon sprichst du wahn und wirr.-
Nein, nein, du bist nicht Gott, mach dir nicht Sorgen,
und niemand wird dich so verklagen. Nein.
Doch wart du Blasser, bis zum nächsten Morgen
sollst du ein wenig König sein.
Ja, willst du? Wart, ich werde wenn mirs glückt
aus diesen Rosen dir die Krone schmieden.
Und sind sie nicht mehr frisch, gieb dich zufrieden,
mein hoher Herr, du hast sie selbst zerdrückt..“-
Und ihre Finger fügen jetzt geschickt
zu krausem Kranze Rose an um Rose,
auch welke Blätter sind hineingestickt.
Sie legt ihn auf das Haupt, das regungslose
aus leeren Augen ihr entgegenblickt,
dann klatscht sie in die Hände, lacht und nickt:
„Bravissimo, die echte Königspose!“

Schon kommt der Morgen nach den Scheiben zielen;
die ersten Speere stecken in den Dielen
hell, wie sie just durchs fahle Fenster fielen.
Und gegenüber schmilzt schon auf dem Dach
die Dämmerung. Da gähnt das Weib sich wach
und steckt das Kleid sich auf, das Gierde jach
ihr von der Schulter riß. Dann denkt sie nach
und friert und gähnt: „Willst du noch König spielen?“
Sie zerrt ihn auf  und murmelt: „Toller Tropf,
willst du mit deiner Krone auf dem Kopf
bei Tage heut nach Haus spazieren gehn?“
Er starrt sie an und kann sie nicht verstehn.
Da streift sie ihm mit mürrischem Gebaren
den dürren Herbstkranz aus den schwarzen Haaren.
Er starrt sie an – und weint, wie von der Stirne
die letzte morgenwelke Rose fällt:
„Wir sind der ewge Erbfluch dieser Welt:
Der ewige Wahn ich – du die ewige Dirne.“ –

Dieser Text ist Gemeinfrei.

Das Gedicht „Die Nacht“ verfasste Rainer Maria Rilke am 9. Oktober 1896 und er beschreibt die Dunkelheit nicht als Ende, sondern als einen schöpferischen Zwischenraum, in dem das Göttliche im Verborgenen heranwächst. Die Nacht wird zu einem stillen Ort der Wandlung, in dem Christus nicht als strahlende Gestalt erscheint, sondern als eine leise, im Schatten wachsende Gegenwart, die den Menschen von innen her berührt. Diese Vorstellung eines aufwärtsstrebenden, inneren Werdens spiegelt sich in der Grußkarte „Leben in der Dämmerung“ auf eindrucksvolle Weise. Die Pflanzen im Ikebana‑Stil steigen aus dem Halbdunkel empor, als würden sie dem ersten, kaum wahrnehmbaren Licht entgegenwachsen. Wie bei Rainer Maria Rilke entsteht auch hier ein Raum der Reduktion und Stille, in dem das Wesentliche sichtbar wird. Die Dämmerung dieser Karte und die Nacht in Rilkes Gedicht teilen dieselbe Atmosphäre eines heiligen Übergangs: ein Moment, in dem das Unsichtbare beginnt, Gestalt anzunehmen und das Leben aus dem Dunkel heraus seinen Weg nach oben findet. Die Grußkarte aus Fadendesign wird zu einer visuellen Entsprechung von Rilkes Vision — ein Bild, das zeigt, wie Wandlung im Stillen beginnt und wie das Göttliche oft dort wächst, wo die Welt am leisesten ist.

Angaben zur Grußkarte:
Designerkarte, Designer Karte, Grafik, Kunst, Fadenbild, Fadengrafik, kunstvoll, exklusive Faltkarte, Faltkarte, Grußkarte, Fadentechnik, moderne Kunst, Design, Ikebana, Sonnenuntergang, Flamme, SchaleTitel: Leben in der Dämmerung
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
Auflage: November 2025

Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria), Kalenderblatt (vermutlich Made in Germany)


Quelle:
Rainer Maria Rilke: Christus. Elf Visionen. In: Sämtliche Werke. Band 1: Gedichte 1895–1902. Frankfurt am Main: Insel Verlag.