Inmitten der Suche nach einem passenden Motiv für eine Karte zur Schöpfungsgeschichte stieß ich ein Gedicht, das zunächst unerwartet erscheint – und doch eine tiefere Verbindung offenbart: „Rabbi Löw I“ von Rainer Maria Rilke. Was auf den ersten Blick wie eine düstere Legende wirkt, entfaltet bei näherer Betrachtung eine spirituelle Dimension, die sich mit den Fragen von Leben, Tod und göttlicher Ordnung auseinandersetzt.
Das Gedicht erzählt von einer Zeit der Not, in der Kinder sterben und die Friedhöfe überfüllt sind. Der Rabbi, eine Figur von Weisheit und Autorität, sendet einen Schüler aus, um in der Nacht auf dem Friedhof ein Leichenhemd zu stehlen – ein Akt, der zwischen Ritual und Tabu oszilliert. Die Szene ist gespenstisch, fast mystisch, und doch durchdrungen von einer tiefen Sehnsucht nach Erlösung.
Diese Erzählung berührt nicht nur durch ihre dramatische Spannung, sondern auch durch die symbolische Kraft, die sie entfaltet. Der Friedhof wird zum Ort der Begegnung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen kindlicher Unschuld und metaphysischer Verantwortung. Die Kindergeister, die auf den grauen Steinen tanzen, sind nicht bloß Spukgestalten – sie sind Erinnerungen, Mahnungen, vielleicht sogar Boten einer höheren Wahrheit.
RABBI LÖW I
„Weiser Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem Bann der Not:
heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns der Tod.
Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und kaum hat der Leichenwart
eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das ist hart.“
Und der Rabbi: „Geht und schickt mir einen Bocher rasch herein.“ –
So geschiehts : „Wagst du nach Beth Chaim diese Nacht dich ganz allein?“
„Du befiehlst es, weiser Meister!“ – „Gut, so hör, um Mitternacht
tanzen all die Kindergeister auf den grauen Steinen sacht.
Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein Herz beklemmt.
streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn sein Leichenhemd.
Raubst es, – bringst es her im Fluge, her zu mir! Begreifst du wohl?“
„Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!“ klingt die Antwort hohl.
Dieser Text ist Gemeinfrei.
Die Wahl einer Bibliothek als Hintergrund für das Titelbild ist dabei kein Zufall. Sie steht für das Wissen, die Tradition und die geistige Tiefe, die das jüdische Denken seit Jahrhunderten prägen. In diesem Kontext wird das Gedicht zu mehr als nur Literatur: Es wird zu einem Spiegel der spirituellen Suche, die sich zwischen den Zeilen der Genesis und den Versen Rilkes entfaltet.
Siehe auch:
- Rabbi Löw II (Suche nach Transzendenz in der Schöpfung und Dichtung)
- Rabbi Löw III (Erwache. Erkenne. Vergebe.)
Angaben zur Grußkarte:
Titel: Schleier
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
1. Auflage: August 2025
Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria),
Quelle:
Rainer Maria Rilke: Larenopfer, in: Sämtliche Werke, Band I, Insel-Verlag – Frankfurt am Main 1955, S. 61
