Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Maler“ gehört zum Zyklus „Christus / Elf Visionen“, einer Sammlung von dichterischen Meditationen, in denen der Dichter die Gestalt Christi in unterschiedlichen Spiegelungen und Rollen betrachtet. In dieser dichterischen Folge verbindet er religiöse Symbolik mit künstlerischer Selbstbefragung und existenzieller Tiefe.
„Der Maler“ eröffnet eine besondere Perspektive: Christus erscheint hier nicht nur als Heilsgestalt, sondern als inneres Bild, das der Künstler in sich trägt und zugleich zu bannen versucht. Das Gedicht kreist um die Spannung zwischen Schauen und Schaffen, zwischen der inneren Vision und der äußeren Darstellung. Rilke thematisiert die Einsamkeit des schöpferischen Menschen, der im Akt des Malens zugleich nach Wahrheit und Erlösung sucht.
Die Sprache ist von einer feierlichen, fast liturgischen Intensität geprägt, doch zugleich durchzogen von dem deutschen Lyriker charakteristischer Bildkraft: das Malen wird zum geistigen Ringen, das Bild Christi zum Spiegel des eigenen inneren Zustands. Damit fügt sich „Der Maler“ in Rilkes größere Suche nach einer neuen religiösen und künstlerischen Sprache ein – eine Sprache, die nicht dogmatisch, sondern visionär und existenziell ist.
Der Maler
Die alte Standuhr, von dem Zwölfuhrschlagen
noch immer müde, rief das „Eins“ so weh,
daß er zusammenzuckte und den Kragen
schnell um der Kleinen Schultern schmiegte: „Geh!“
Sie sah erstaunt ihn an beim Abschiedsagen
und bangte immer wieder mit der zagen
versagten Stimme, kinderklug: „Wann seh
ich dich denn wieder?“ „Nun – in diesen Tagen,
geh, du bist lästig mit dem vielen Fragen.“
Sie rief und fror und draußen fiel der Schnee. –
Er aber trat zurück ins Atelier
und ging mit stillen Schritten in dem kühlern
vertrauten Raume her und hin.
Das leise Licht, das wie mit feinen Fühlern
ins stumme Dunkel suchte vom Kamin,
erweckte da und dort ein Ding zum Leben,
das seltsam fremd in heimlichem Erheben
sich formte in der kurzen Gunst des Lichts.
In weichem Wechseln wogte Sein und Nichts
rings um den Mann, der sinnenden Gesichts
sich ganz verlor im scheuen Schattentreiben,
bis er, wie hart vor einem Hindernis,
den Fenstervorhang von den Riesenscheiben,
fortzerrte, daß die Seide zischend riß.
Und da im Mond – die Dinge durften bleiben –
da blieb auch der , den er im Schatten schon
mit allen Sinnen seines Seins erkannte,
obwohl er nicht das Antlitz zu ihm wandte
und reglos auf die große weitgespannte
Bildleinwand schaute, drauf mit mattem Ton
der Silbermond die Winterlichter streute.
Sie sanken mitten in die Männermeute,
die einen Mann umdrängte und umdräute,
der blaß und ärmer wie die andern war.
Er stand wie ein Verräter in der Schar,
stand wie ein Leugner, den die Liebe reute,
und ohne alle Hoheit war sein Haar.
Und seine Würde war wie ein Talar
von seiner Brust gesunken, und es scheute
ein Kinderschwarm sich vor dem Proletar…
Auf diesem Bilde jetzt die fremden Lichte
schien ein Geschenk zu sein von dem Gesichte
des Mannes, den der Maler davor fand;
in kalte Kanten krallte er die Hand,
und hingehetzt von hundert Ängsten floh
die Seele ihm mit feigem Flügelbreiten
zu allen Hoffnungen und Heimlichkeiten
und wähnt: sie wird bei einer die bereiten
Fluchtfenster finden in das Nirgendwo.
Doch eh sie noch zurückgefunden, – gleiten
des Bleichen Blicke von dem Bild und leiten
das leise Wort: „Warum malst du mich so?“
„Bin ich denn so an deinem Bett gesessen,
wenn deine Furcht aus Kinderfiebern schrie,
und in dem Mahnen der Marienmessen –
war das die Miene, die dir Mut verlieh?
Und dann – am Grabe deiner Mutter – wie
entstieg ich da den zitternden Zypressen?
Hast du im Weiterschreiten mich vergessen,
und meine Züge, warum malst du sie?“
Sein Fragen senkte sich so frühlingsstill,
wie eine frühe Blüte sinkt vom Baume
die heil in Halmen harrt, ob tief im Traume
ein lieber Wind sie spielend wählen will, –
allein der Maler, scheu von Scham und Schuld,
zertritt die zarte mit der Ungeduld
des bangen Sklaven. Und sein Haß hält roh
die Faust ihm hin: „Ich sah dich immer so.“
Und da wächst der, der wie ein Büßer stand,
weit auf. Sein Schatten hüllt die ganze Wand,
und seine Stimme schwillt wie eine Flamme:
„So schien ich dir aus diesem Bettlerstamme?
Die zage, blasse Armut war mir Amme,
und drum glaubst du: es ist die Schergenschramme
auf meiner Brust mein einzig Purpurrecht?
Ich trank mir nicht den Adel aus dem Schwamme,
als König kürte ich mir ein Geschlecht,
und erst im Sterben ward ich Knecht.
Da ward ich – Gott. Und nur der niegewußte
Gott könnte groß sein, der nicht folgen mußte
dem ungestümen Ruf der Menge, die
ihn brünstig brauchte. Doch in wahngeblähter
Beharrlichkeit langt früher oder später
der Pöbel alle Götter aus dem Äther,
und in den bangen Blicken ihrer Beter
zerschmelzen sie.“
Es schwand in Schwaden sein weißes Kleid,
es ging keine Pforte.
Aber der Maler hörte noch Worte, –
milde Worte wehten von weit
nicht aus der Zeit:
„… In gleichem Harm und in gleichen Hemden
will ich frierend mit Freunden gehn,
aber vor den Seelenfremden
will ich festlich und fürstlich stehn:
Mal mich im Purpur dieses Blutes,
das wund von Wehen und Wundern war,
und mit der Mitra meines Mutes
hülle mir mein armes Haar.
Und alles Leuchten der Liebe – legs
an den Rand meiner Hände,
daß ich den Himmel ganz verschwende
an alle Kinder – unterwegs…..“
Dieser Text ist Gemeinfrei.
So wie Rainer Maria Rilkes „Der Maler“ den inneren Kampf des Künstlers beschreibt, das Unsichtbare sichtbar zu machen und Christus als Bild in sich zu tragen, so spiegelt die Grußkarte „Butterfly“ diese Bewegung in einer stillen, alltäglichen Szene. Die Tasse mit Landschaft ist wie die Leinwand des Malers: ein Gefäß, dass Welt und Vision in sich trägt. Der Schmetterling, der sich auf den Rand setzt, verkörpert das Flüchtige, das Leichte, das kaum zu fassen ist – jene innere Inspiration, die sich nur im Augenblick zeigt und doch den ganzen Raum verwandelt.
Während der Maler bei Rainer Maria Rilke ringt, das Bild Christi aus der Tiefe seiner Seele hervorzuholen, verweist der Schmetterling auf der Tasse auf die zarte Möglichkeit, dass das Höhere, das Geistige, sich im Alltäglichen niederlässt. Beide Bilder – das Gedicht und die Karte – erzählen von der Sehnsucht, das Unsichtbare zu berühren: sei es durch den Pinselstrich oder durch den Augenblick, in dem ein Schmetterling die Grenze zwischen Innen und Außen überfliegt.
Es entsteht eine stille Korrespondenz: Rilkes Maler und die Grußkarte laden dazu ein, das Leben als Leinwand zu sehen, auf der sich das Flüchtige und das Ewige begegnen – im Bild, im Ritual, im Augenblick.
Angaben zur Grußkarte:
Titel: Butterfly
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
1. Auflage: Oktober 2025
Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria), Kalenderblatt (vermutlich Made in Germany)
Quellen:
Rainer Maria Rilke: Christus. Elf Visionen. In: Sämtliche Werke. Band 1: Gedichte 1895–1902. Frankfurt am Main: Insel Verlag.
