In Rainer Maria Rilkes Gedicht „Venedig“ aus dem Zyklus „Christus / Elf Visionen“ erscheint die Stadt nicht als touristischer Ort oder kunsthistorische Kulisse, sondern als ein spirituell aufgeladener Resonanzraum. Der Dichter verwandelt Venedig in eine Art Schwellenlandschaft, in der das Irdische und das Transzendente ineinander übergehen. Die vertrauten Elemente der Stadt — Wasser, Licht, Architektur, Bewegung — werden zu Symbolträgern, die das Religiöse nicht illustrieren, sondern atmosphärisch erfahrbar machen.

Venedig wird bei Rainer Maria Rilke zu einer Stadt, die „von unten her“ spricht: aus dem Wasser, aus der Tiefe, aus dem Ungewissen. Diese Tiefe ist für ihn nicht bedrohlich, sondern ein mystischer Ursprung, aus dem das Göttliche aufscheint. Die Stadt wirkt wie ein Ort, an dem Christus nicht als dogmatische Figur erscheint, sondern als leise, durchscheinende Präsenz, die sich in Spiegelungen, Übergängen und Verwandlungen zeigt. Er nutzt die besondere Stofflichkeit Venedigs — das Schweben der Gebäude, das Fließen der Kanäle, das Spiel von Licht und Verfall — um eine religiöse Erfahrung zu evozieren, die weniger an Glaubenssätze gebunden ist als an Wahrnehmung, Staunen und innere Erschütterung.
Venedig im Gedicht so zu einer Vision selbst: ein Ort, an dem die Welt durchlässig wird und das Heilige in der sinnlichen Erscheinung der Stadt aufleuchtet. Er zeigt, wie religiöse Erfahrung nicht nur im Gebet oder im Kult stattfindet, sondern im Schauen, im Lauschen, im Sich‑Einlassen auf eine Stadt, die wie ein Gleichnis gebaut ist.

Venedig

Die junge Nacht liegt wie ein kühler Duft
auf dem Canal , und grauer nun und greiser
sind die Paläste und die Gondeln leiser,
als führte jede einen toten Kaiser
in seine Gruft.
Und viele fahren, aber eine schwenkt
jetzt scheu und ängstlich in die tiefsten Gassen,
weil tiefste Liebe oder tiefstes Hassen
ihr Steuer lenkt.
Vor einem Marmorhaus mit staubger Zier
drängt sie sich horchend an die Wappenpfähle.
Und lange ruhte keine Gondel hier.
Die Stufen warten. – Fern aus heller Kehle
am Canal grande singt ein Gondolier,
und suchend irrt sein Lied durch die Kanäle.
Der Fremde steht und trinkt den Klang voll Gier,
in lauter Lauschen löst sich seine Seele:
Vorrei morir…

Der Abend zog vorbei am Erdgeschoß
des Dogenhofs, und die Reflexe rannten
hin wie ein Schwarm von wunden Flagellanten.
Er aber stand so einsam ernst und groß
am Fuß der stolzen Treppe der Giganten,
und seiner Blicke dunkle Bogen spannten
sich nach dem Fenster, dessen Flächen brannten:
sie heißen es das Fenster Pellico`s.
Er nickte leise, so als stände jener
noch dort, der einst in ewig öder Haft
ergeben wie ein echter Nazarener
verzichtete auf Zorn und Kampf und Kraft.
Vielleicht giebt er den Gruß zurück und rafft
des Vorhangs Falten. Wenn noch seinen Namen
Verliebte, (die) des Wegs vorüberkamen,
zusammenträumen mit den Sündendramen,
erschien er hoch im heißen Fensterrahmen,
er lächelte das Lächeln einer zahmen
in Fesseln müd gewordnen Leidenschaft. –
Und jener unten lächelte es mit.
Dann stieg er stufenan mit scheuem Schritt
und stand oft still, im vollen Abendscheine,
drin die Arkaden, wie versteinte Haine,
zu harren schienen, daß er sie durchweine,
so traurig war er; denn es war der Eine,
der immer dankte, wenn er sprach: ich litt.
Sein Haupt war schwer, und schweren Fußes ging
er in die leeren Marmorbogengänge,
an denen wie vergessenes Gepränge
der rote, raschverwelkte Abend hing.
Ihn fröstelte, und hastig ward sein Schreiten,
das bang erklang im hallend langen Gang.
Vor seiner eignen Lehre war ihm bang:
vor jener Lehre der Vergänglichkeiten.
Sie wuchs um ihn in säulenstarrem Hohne:
so wächst der Zorn dem rachgieren Sohne,
der aus des greisen Vaters feiger Frohne
zu eignem Wort und eignem Weh sich wand.
Er lief zuletzt. Und wie gerettet stand
er endlich still auf einsamem Balkone
und lauschte, was in langem, leisem Tone
die matte Woge sang dem Abendland.

Da knistert neben ihm ein Schleppgewand:
und bei ihm kniet in hoher Mützenkrone
mit weißem Bart ein purpurner Patrone,
und leise faltet sich die Hand zur Hand.
Und Jesus nickt und fragt den alten Mann:
„Schwarz ist der Hafen. Wo sind eure Feste?
Giebts keine Gäste mehr? An die Paläste
legt niemals mehr der bunte Jubel an?
Ich warte schon so lange, wo sind sie
die mich verehrt, die wundersamen Alten
mit Silberbärten, lang und tiefgespalten –
die Vendramin und Papadopoli.
Ich weiß: die Nacht  bewohnt in euren kalten
Palästen jetzt das beste Prunkgemach.
Denn ihr seid lang gestorben, und den Jungen
ist Lied und Lachen gar so bald verklungen
in einer Zeit, die nur mit Eisen sprach.
Jetzt sind die Gassen alle kalt und brach,
und Trauer nur, in halbem Traum gesungen,
langt oft den flüchtenden Erinnerungen
aus einem engen grauen Hause nach.
Von keinem Lande wissen eure Stufen,
und alles kam, wie es die Vorsicht will.
Der Hochmut hohe Häuser starben still,
und nur die Kirchen dauern noch und rufen.“
„Ja, Herr“, spricht jetzt der Doge und entfaltet
die Hände nicht. „Der Todes Ohnmacht waltet
mit tausend tiefen Schauern über uns.
Und deine Glocken locken lauten Munds.
Du giebst  noch immer große, reiche Feste
und machst, daß deine gernbereiten Gäste
in deinen Hallen Elend und Gebreste
vergessen und wie Kinder selig sind.
Und jedes Volk, das gerne noch als Kind
sich fühlen mag, folgt in die Prachtpaläste
die du ihm aufgetan und betet blind.
Doch ich bin alt. Ich seh die Zeiten rollen
bis in den Tag, da keine Völker mehr
wie Kinder sein und Kinder spielen wollen;
denn mögen alle deine Glocken grollen,
dann bleibt auch dein Palast für ewig leer.“
Der Alte schwieg. Wie betend blieb er knien.
Sternknospen sprangen an den Himmelsachsen.
Und dieses Knien schien weit hinauszuwachsen
vorbei an Christo und weit über ihn…

Dieser Text ist Gemeinfrei.

Rainer Maria Rilkes Gedicht „Venedig“ beschreibt die Stadt als einen Ort, an dem das Sichtbare und das Unsichtbare ineinanderfließen. Venedig erscheint nicht als feste Architektur, sondern als schwebende Erscheinung, die sich im Wasser bricht, verwandelt und neu zusammensetzt. Das Religiöse entsteht bei ihm genau in diesem Moment der Spiegelung: Das Heilige ist nicht direkt greifbar, sondern offenbart sich im Zwischenraum, im Flimmern, im Reflektierten.

Genau dieses Prinzip greift die Grußkarte „Lotosblüte mit Lustschloss“ auf — aber in einer eigenen, poetisch‑symbolischen Sprache.
Auf der Karte ist das Lustschloss indirekt sichtbar, es erscheint erst im Wasser als Spiegelbild. Damit wird es zu einer Vision, nicht zu einem Objekt. Es existiert im Modus des „Sich‑Zeigens im Verborgenen“ — ganz wie Rilkes Venedig, das aus der Tiefe, aus dem Wasser, aus dem Schweigen heraus spricht.
So wie der junge Dichter Venedig zu einem religiösen Bildraum macht, wird das Lustschloss auf der Grußkarte aus Fadendesign zu einem transzendenten Ort, der nur im Spiegel der Wahrnehmung existiert. Es ist weniger Architektur als Offenbarung.

Die mit weißem Seidengarn gestickte Lotosblüte bringt eine zweite Ebene hinein: Sie steht traditionell für Reinheit, Erleuchtung, das Aufsteigen aus dem Dunkel des Wassers.
Damit ergänzt sie Rilkes religiöse Bildwelt auf ideale Weise:

  • Das Wasser: Ursprung, Tiefe, Unbewusstes
  • Die Blüte: Aufstieg, Licht, Durchbruch
  • Das Schloss: Vision, Verheißung, geistiger Raum

In Rilkes Gedicht wird Venedig selbst zu einer Art Lotosblüte: eine Stadt, die aus dem Wasser wächst und das Heilige in ihrer Erscheinung trägt; die Karte übersetzt dieses Motiv in ein textiles, haptisches Symbol.
Bei Rilke ist das Religiöse kein Dogma, sondern eine Wahrnehmungserfahrung.
Und diese Funktion übernimmt die Karte ebenfalls: Das Schloss ist nicht einfach da — es entsteht erst im Blick der Betrachterin, im Moment des Erkennens. Das Heilige wird zu einem Ereignis, nicht zu einem Gegenstand.

Rilkes Venedig ist eine Stadt aus Licht, Wasser und Spiegelung.
Die Karte ist ein Bild aus Faden, Wasser und Spiegelung.
Beide sagen: Das Wesentliche zeigt sich nicht direkt. Es erscheint im Zwischenraum.

Angaben zur Grußkarte:
Designerkarte, Designer Karte, Grafik, Kunst, Fadenbild, Fadengrafik, kunstvoll, exklusive Faltkarte, Faltkarte, Grußkarte, Fadentechnik, moderne Kunst, Design, Lustschloss, Kassel, Spiegelung,Titel: Lotosblüte mit Lustschloss
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
Auflage: August 2025

Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria), Kalenderblatt (vermutlich Made in Germany)


Quelle:
Rainer Maria Rilke: Christus. Elf Visionen. In: Sämtliche Werke. Band 1: Gedichte 1895–1902. Frankfurt am Main: Insel Verlag.