Wann

April 15, 2026    
12:00 a.m.

Veranstaltungstyp

Paris, Winter 1873. Die Stadt war ein einziger pochender Organismus aus Ateliers, Cafés und kalten Dachkammern, in denen junge Maler ihre Träume gegen die Kälte verteidigten. Claude Monet stand am Fenster seines Ateliers in der Rue Saint-Georges und sah hinaus auf die verschneiten Dächer. Der Schnee lag weich wie ein Tuch über der Stadt, und doch fühlte Monet eine innere Unruhe, die ihn nicht losließ.

Seit Wochen traf sich die kleine Gruppe von Malern, die später als Impressionisten bekannt werden sollte. Sie wollten eine eigene Ausstellung organisieren — unabhängig vom Salon des Refusés, unabhängig von den starren Regeln der Akademie. Monet war überzeugt: Der Kreis musste klein bleiben. Nur jene, die wirklich bereit waren, das Licht neu zu denken, sollten dabei sein.

„Wenn wir zu viele werden“, sagte er immer wieder, „verwässert sich unsere Vision. Wir brauchen Klarheit, nicht Kompromisse.“

Doch Edgar Degas sah das anders. Für ihn war die Stärke der Gruppe gerade ihre Vielfalt. Er wollte Bildhauer, Radierer, Landschaftsmaler, Porträtisten — eine ganze Welt unter einem Dach. Und Degas war hartnäckig, charmant, strategisch. Wo Monet mit Leidenschaft argumentierte, arbeitete Degas mit Netzwerken, Einladungen, Überzeugungskraft.

Die Diskussionen wurden hitziger. Manchmal standen die beiden Männer sich gegenüber wie zwei unterschiedliche Jahreszeiten: Monet, der das flüchtige Licht suchte, und Degas, der die Bewegung der Menschen in den Mittelpunkt stellte.

Eines Abends, als die Gruppe sich wieder einmal im Café Guerbois traf, brachte Degas eine Liste mit Namen mit — viel länger, als Monet gehofft hatte.

„Wir brauchen sie“, sagte Degas ruhig. „Wenn wir eine Revolution wollen, dann mit vielen Stimmen.“

Monet presste die Lippen zusammen. Er wusste, dass er diesen Kampf verlieren würde. Die anderen schauten erwartungsvoll, müde, hungrig nach Veränderung. Und so nickte er schließlich, langsam, widerwillig — aber mit einem Funken Hoffnung, dass die gemeinsame Vision dennoch bestehen würde.

Ein leiser Funke im Schnee

Später, allein in seinem Atelier, blickte Claude Monet wieder hinaus in die winterliche Nacht. Der Schnee reflektierte das Licht der Gaslaternen, und für einen Moment erinnerte ihn die Szene an seine eigenen Studien von Falaise — Effet de neige à Falaise, dieses stille, vibrierende Weiß, das mehr Leben in sich trug als man auf den ersten Blick sah.

Auf seinem Arbeitstisch stand eine kleine Kerze, die er angezündet hatte, um die Dunkelheit zu vertreiben. Ihr Licht zitterte im Luftzug, eine winzige Flamme, die sich gegen die Kälte behauptete.

Und genau diese kleine Flamme — dieses stille Beharren auf dem eigenen Blick — war es, was ihn tröstete. Auch wenn der Kreis größer wurde, auch wenn Edgar Degas sich durchgesetzt hatte, blieb Monets Vision bestehen. Eine Flamme im Schnee.

Jahre später würde jemand diese Stimmung wieder aufgreifen: eine Grußkarte namens „Candle in the snow“, deren Hintergrund ein Ausschnitt aus Effet de neige à Falaise zeigt. Eine Karte, die genau das ausdrückt, was Monet damals fühlte:

Dass selbst im größten Winter ein kleiner Funke genügt, um eine ganze Bewegung zu entzünden.

Die erste impressionistische Ausstellung öffnete seine Türen am 15. April 1874 in den Räumlichkeiten des Fotografen Nadar.  


Quellen: