Die Erzählung „Ewald Tragy“ gehört zu den frühen Werken Rainer Maria Rilkes und entstand in der zweiten Hälfte des Jahres 1898. Sie markiert einen entscheidenden Wendepunkt in seiner literarischen Entwicklung und trägt stark autobiographische Züge. Gerade deshalb oder wegen einer geplanten Veröffentlichung in einer Sammlung wurde sie zu seinen Lebzeiten nicht publiziert. Im Mittelpunkt steht der junge Ewald Tragy, der sich von seiner Familie löst, um gegen deren Willen seinem unkonventionellen Lebensentwurf als Dichter zu folgen.
Die Handlung gliedert sich in zwei Kapitel. Im ersten Teil spaziert Tragy mit seinem Vater, einem Inspektor, durch die Straßen Prags. Beim anschließenden Mittagessen mit der Familie wird seine Ablehnung gegenüber den gesellschaftlichen Normen deutlich. Der routinierte Ablauf – Begrüßung, Speisen, belanglose Gespräche – stört ihn besonders, da niemand seine bevorstehende Abreise thematisiert. Erst die Französin Jeanne spricht ihn auf seine Entscheidung an. Im zweiten Kapitel verlagert sich der Schauplatz nach München. Zunächst empfindet Tragy Freude und Freiheit, doch bald holt ihn die Realität ein. Er begegnet Wilhelm von Kranz, einem wohlhabenden Mann, der ihm Geselligkeit und einen großen Bekanntenkreis eröffnet. Bald erkennt Tragy jedoch die Oberflächlichkeit dieser Gespräche. Später trifft er auf den Schriftsteller Thalmann, der die schweigsame Seite Tragys unterstützt und nur das Nötigste ausspricht. Trotz der Faszination bleibt das Verhältnis distanziert. Schließlich erkrankt Tragy schwer, wird während seiner Genesung noch von Kranz besucht, doch auch dieser Kontakt bricht ab. Am Ende bleibt er allein zurück und schreibt einen emotionalen Brief an seine Mutter, den er jedoch verbrennt.
Die autobiographischen Bezüge zu René Rilke sind deutlich erkennbar. In Prag spiegeln sich das Fehlen einer Mutterfigur und der gesellschaftliche Rang des Vaters wider, der wie Rilkes eigener Vater als Inspektor tätig war. Auch die Szene des sonntäglichen Mittagessens ist von Rilkes Jugend geprägt. Auffällig ist lediglich die Abweichung im Alter: Tragy verlässt Prag mit 18 Jahren, während René Rilke tatsächlich erst mit 21 ging. In München treten Figuren auf, die reale Personen aus Rilkes Leben widerspiegeln: Jakob Wassermann erscheint als Jakob Thalmann, Wilhelm von Scholz als Wilhelm von Kranz. Allerdings distanzierte sich Rainer Maria Rilke erst später von Scholz, sodass die kühle Freundschaft im Text nicht der Realität entspricht. Ebenso fehlen Hinweise auf den Münchener Literaturbetrieb, den René Rilke später kritisierte.
Die Erzählweise ist durch einen heterodiegetischen, auktorialen Erzähler geprägt, der olympisch über das Geschehen blickt und zugleich Einblick in Tragys Gedanken und Gefühle gibt. Die chronologische Erzählung im Präsens vermittelt den Lesern das Gefühl unmittelbarer Teilnahme.
Veröffentlicht wurde „Ewald Tragy“ erst posthum in drei Ausgaben: 1929 als Jahresgabe der Gesellschaft der Münchener Bücherfreunde bei B. Heller in München, 1944 in New York bei der Johannespresse mit einem Nachwort von Richard von Mises und schließlich 1989 im Insel Verlag, ebenfalls mit dem Nachwort von Mises.
Damit zeigt die Erzählung Rilkes satirische Auseinandersetzung mit dem Aufbruch eines jungen Dichters aus kleinbürgerlichem Milieu nach München und dokumentiert die Konflikte zwischen gesellschaftlicher Anpassung und künstlerischer Selbstverwirklichung. Sie gilt als Schlüsseltext für René Rilkes frühe Entwicklung und macht sichtbar, wie stark sein eigenes Leben in seine Literatur eingeflossen ist.
Zwei Engel sitzen still am Fuß des Baumes, als lauschten sie den unsichtbaren Stimmen einer Jugend, die noch nach ihrem eigenen Klang sucht. Der Baum, jung und doch schon verwurzelt, trägt die Ahnung von Werden und Wachsen in sich – wie Ewald Tragy, der zwischen Sehnsucht und Zweifel seine ersten Schritte ins Leben tastet. Über den beiden schwebt ein buntes Herz, ein leuchtendes Versprechen, dass aus der Zerrissenheit ein farbiges Zentrum der Liebe und Inspiration erwächst. So wird die Szene zur Antwort auf René Rilkes frühe Suche: Engel, Baum und Herz bilden ein Gleichnis für die Jugend, die getragen wird von unsichtbaren Kräften und doch schon den Himmel der Poesie berührt (vgl. Zwei Engel betrachten einen Baum).
Quellen:
- Vgl. Gunter Martens und Annemarie Fost-Martens: Rainer Maria Rilke, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 23
- Vgl. Wikipedia (₪): Ewald Tragy, zuletzt besucht am 25.10.2025
