Das Gedicht In der Kapelle St. Wenzels“ aus dem Band „Larenopfer“ von Rainer Maria Rilke entfaltet eine Atmosphäre von sakraler Stille, kostbarer Lichtfülle und ehrfürchtiger Präsenz. Es beschreibt einen Raum, der von Edelsteinen und Licht durchwirkt ist – ein Ort, der nicht nur prachtvoll, sondern auch durchwirkt von Transzendenz ist. Der Staub des heiligen Wenzel ruht unter dem goldenen Tabernakel, und die Kuppel scheint vom Leuchten selbst erfüllt zu sein. Es ist ein Raum, in dem das Irdische und das Geistige ineinanderfließen, ohne Trennung, ohne Lautstärke.

In der Kapelle St. Wenzels

Alle Wände in der Halle
voll des Prachtgesteins; wer wüßte
sie zu nennen: Bergkristalle,
Rauchtopase, Amethyste.

Zauberhell wie ein Mirakel
glänzt der Raum im Lichtgetänzel,
unterm goldnen Tabernakel
ruht der Staub des heilgen Wenzel.

Ganz von Leuchten bis zum Scheitel
ist die Kuppel voll, die hohle;
und der Goldglast sieht sich eitel
in die gelben Karneole.

Dieser Text ist Gemeinfrei.

Beide Werke – Gedicht und Grußkarte „Sei gesegnet“ – öffnen einen Raum, in dem etwas Größeres gegenwärtig ist, ohne sich aufzudrängen. Sie laden ein zur inneren Sammlung, zur stillen Ehrfurcht, zur Ahnung, dass ein Anfang nicht nur äußerlich, sondern innerlich getragen sein kann.


Quelle:
Rainer Maria Rilke: Larenopfer, in: Sämtliche Werke, Band I, Insel-Verlag – Frankfurt am Main 1955, S. 12 f.