Das Gedicht „Im Straßenkapellchen“ aus Rainer Maria Rilkes Gedichtband „Larenopfer“ öffnet einen stillen, beinahe filmischen Moment: ein kleines Kapellchen am Weg, ein flackerndes Licht, Heiligenfiguren, die vom Wind heimgesucht werden. Rilke beschreibt diese Szene mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und feiner Ironie. Das Licht „brennt“ vor dem Bild, die Blechblumen schmiegen sich eng an, und doch machen die Heiligen „ein übel Gesicht“, weil der „Sturmwind, der hastige Knab“ keine Ehrfurcht kennt. Diese Spannung zwischen Andacht und profaner Welt, zwischen dem Wunsch nach Schutz und der Unruhe des Lebens, ist typisch für „Larenopfer“, das Rilke seiner Heimatstadt Prag widmete und in dem er alltägliche Orte mit poetischer Bedeutung auflädt.
Im Straßenkapellchen
Bei St. Loretto da brennt ein Licht
vorm Bilde im Straßenkapellchen;
und um das Wandbild schmiegen sich dicht
Blechblumen mit farbigen Kelchen.
Die Heiligen machen ein übel Gesicht;
denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat
nicht Achtung für sie; bei Loretto das Licht
schaut fromm in den dämmernden Sabbat.
Dieser Text ist Gemeinfrei.
Wenn man dieses Gedicht neben die Grußkarte „Morgendämmerung“ legt, entsteht ein leiser, aber intensiver Resonanzraum. Beide Werke bewegen sich im Übergang: Rilkes Kapellchen steht im „dämmernden Sabbat“, einem Zwischenlicht, das weder Tag noch Nacht ist. Die Karte wiederum fängt die fragile Schwelle des Morgens ein – jenen Moment, in dem die Welt noch nicht entschieden hat, ob sie Traum oder Tag sein will.
In beiden Bildern liegt ein Gefühl von Schutz und Verletzlichkeit. Das kleine Licht im Kapellchen trotzt dem Wind, so wie das zarte Morgenlicht auf der Grußkarte aus Fadendesign der Dunkelheit entgegenschimmert. Beide Szenen zeigen ein Aufleuchten, das nicht laut ist, sondern still, fast scheu – ein Aufleuchten, das sich gegen äußere Unruhe behauptet. Rilkes „hastiger Knab“ des Windes könnte in die Bildwelt die Nacht sein, die sich noch einmal aufbäumt, bevor sie weicht. Und so wie die Blechblumen sich eng an das Bild schmiegen, schmiegen sich in der „Morgendämmerung“ die Farben aneinander, als wollten sie sich gegenseitig Halt geben.
Quelle:
Vgl. Rainer Maria Rilke: Larenopfer, in: Sämtliche Werke, Band I, Insel-Verlag – Frankfurt am Main 1955, S. 18