Ein alter Koffer erzählt von neuen Linien
Ich bin ein alter Koffer, aus Leder, das längst seine Spannkraft verloren hat. Meine Ecken sind abgestoßen, meine Schnallen tragen die Spuren vieler Hände, die mich in Eile, in Hoffnung oder in Verzweiflung gepackt haben. Doch an jenem Tag, als Claude Monet mich schloss und mit einem Ruck anhob, war etwas anders. Ich spürte sein Herz schlagen, schneller als sonst, unruhig, wie ein Vogel, der nicht weiß, ob er fliegen oder sich verstecken soll.
Er hatte gerade einen Brief abgeschickt, und ich schwöre, ich konnte die Schwere dieser Lüge noch in meinen Nähten fühlen. Ein Bruch mit Camille, den es nicht gab. Ein erfundener Schmerz, um einen echten zu lindern: die Armut, die ihn täglich würgte. Claude dachte viel über Geld nach, während er mich packte. Ich kenne seine Gedanken, denn ich habe sie oft gehört, wenn er sich über mich beugte, um Farben, Pinsel oder ein frisches Hemd hineinzulegen. Geld war für ihn wie ein kalter Windzug, der durch jede Ritze drang. Er verachtete es, weil es ihn klein machte, und er fürchtete es, weil es ihm fehlte. Armut war kein poetischer Schleier, sondern ein Gewicht, das ihn niederdrückte. Ich habe gesehen, wie er manchmal zögerte, mich überhaupt zu öffnen, weil er wusste, dass ich fast leer war.
Doch an diesem Tag war da etwas anderes in ihm. Ein Funken, der durch die Lüge hindurchschimmerte. Die Nachricht von Jeans Geburt am 8. August hatte ihn getroffen wie ein Lichtstrahl, der durch eine Wolkendecke bricht. Ich spürte, wie seine Hände zitterten, als er mich schloss. Nicht vor Angst — oder nicht nur — sondern vor einer Liebe, die so plötzlich und so groß war, dass sie ihn selbst erschreckte.
Auf der Reise hörte ich seine Gedanken wie lose Fäden, die der Fahrtwind durcheinanderwirbelte. Was, wenn ich kein guter Vater bin? Was, wenn Camille mehr verdient, als ich ihr geben kann? Was, wenn meine Eltern mich durchschauen? Was, wenn ich nie genug Geld verdiene, um ihnen ein würdiges Leben zu ermöglichen? Was, wenn die Welt meine Bilder nie versteht? Und dann, immer wieder, wie ein leiser, warmer Faden, der sich durch all die dunklen Knoten zog: Ich werde meinen Sohn sehen.
Ich lag neben ihm auf der Bank, und manchmal legte er die Hand auf mich, als bräuchte er etwas, das ihn erdet. Ich wünschte, ich hätte ihm sagen können, dass er nicht allein war. Dass ich all seine Wege kannte, seine Hoffnungen, seine Scham, seine Träume. Dass ich wusste, wie viel Mut es brauchte, trotz allem weiter zu malen.
Und während die Räder über die Schienen ratterten, stellte ich mir vor, wie jemand — vielleicht die Zukunft selbst — bunte Fäden über mein altes Leder spannt. So wie auf der Grußkarte, „Bestickter Koffer“. Diese Spiralen aus Rot, Gelb, Orange, die sich über die Risse legen, nicht um sie zu verstecken, sondern um sie zu verwandeln. Genau so fühlte sich Claudes Reise an: ein brüchiger Untergrund, überzogen von neuen Linien. Ein Leben, das nicht glatt war, aber voller Farbe. Ein Muster, das erst aus der Distanz Sinn ergeben würde.
Ich bin nur ein Koffer. Aber ich habe gesehen, wie ein Mann, der kaum Geld hatte, dennoch reich war an Liebe. Ich habe gespürt, wie seine Angst und seine Hoffnung sich in meinen Nähten verfingen. Und ich weiß: Die Fäden, die auf mich gestickt worden sind, erzählen genau diese Wahrheit. Dass selbst das Abgenutzte, das Belastete, das Widersprüchliche ein Ort sein kann, an dem etwas Neues beginnt.
Weiteres zum 8. August
1867: Der erste Sohn von Claude Monet wurde geboren (vgl.: Candle in the snow).