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Dezember 5, 2026    
Ganztägig

Veranstaltungstyp

Georges Clemenceau erfuhr vom Tod Claude Monets an einem kalten Dezembermorgen des Jahres 1926, als ein Bote ihm den schmalen, amtlich versiegelten Umschlag überreichte. Er hatte den Namen des Freundes schon gesehen, bevor er das Schreiben öffnete, und etwas in ihm wusste sofort, dass die Nachricht endgültig sein würde. Als er die wenigen Zeilen las, spürte er, wie sich die Welt für einen Moment verengte, als würde die Luft selbst den Atem anhalten. Monet, sein alter Gefährte, sein Spiegel in Fragen der Schönheit und des Zweifels, war nicht mehr.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, der an diesem Morgen ungewohnt groß wirkte, und zog ein leeres Blatt Papier zu sich heran. Er sollte einen Nachruf verfassen, offiziell im Namen der Republik, doch er wusste, dass er in Wahrheit für sich selbst schrieb. Für den Mann, der ihm gezeigt hatte, wie Licht zu einer Sprache werden konnte. Für den Freund, der ihm beigebracht hatte, dass Geduld manchmal die einzige Form von Mut ist.

Während seine Feder über dem Papier schwebte, glitt sein Denken zurück in jene Nacht im Garten von Giverny. Es war Sommer gewesen, warm, aber nicht drückend, und die Dunkelheit hatte sich wie ein weiches Tuch über die Wasseroberfläche gelegt. Sie hatten nebeneinandergesessen, zwei alte Männer, die sich nicht mehr beweisen mussten, dass sie lebten. Monet hatte lange geschwiegen, bevor er sagte, dass die Seerosen ihm inzwischen vorkämen wie kleine Welten, jede mit einem eigenen Atem, einem eigenen Schicksal. Clemenceau hatte gelacht und erwidert, dass er selbst nie verstanden habe, wie jemand so viel Zeit mit einem einzigen Motiv verbringen könne. Monet hatte darauf nur gelächelt, dieses stille, wissende Lächeln, das Clemenceau nun schmerzlich vermisste. „Weil sie nie dieselben sind“, hatte er schließlich gesagt. „Weil ich nie derselbe bin.“

Clemenceau strich mit dem Daumen über das Papier, als könne er die Erinnerung dadurch festhalten. Er suchte nach Worten, die groß genug waren, um Monet gerecht zu werden, und zugleich klein genug, um nicht zu lügen. Doch bevor er den ersten Satz niederschreiben konnte, hörte er ein leises Rascheln hinter sich. Eine Taube flatterte durch das halb geöffnete Fenster in sein Arbeitszimmer, als hätte sie den Weg schon oft genommen. Sie landete auf dem Tisch, schob mit dem Schnabel eine kleine Karte vor ihn und blieb dann ruhig sitzen, als warte sie auf seine Reaktion.

Clemenceau betrachtete die Karte. Auf ihr waren zwei Engel zu sehen, die einen Baum betrachteten, und zwischen ihnen schwebte ein Herz aus feinen, ineinander verschlungenen Fäden. Ein seltsames, fast kindliches Motiv, und doch berührte es ihn auf eine Weise, die er nicht sofort verstand. Vielleicht, dachte er, war es die stille Geste der Ankunft, das Unverhoffte, das sich in sein Zimmer geschlichen hatte wie ein Gruß aus einer anderen Welt. Vielleicht war es auch nur der Zufall, der ihm zeigte, dass selbst im Moment des Verlusts etwas Sanftes in die Welt treten konnte.

Er legte die Karte „Zwei Engel betrachten einen Baum“ neben das leere Blatt, atmete tief ein und begann zu schreiben. Nicht als Staatsmann, nicht als Zeuge einer Epoche, sondern als Freund. Als jemand, der in einer Sommernacht neben einem Mann gesessen hatte, der das Licht verstand. Als jemand, der wusste, dass manche Herzen – ob aus Fäden oder aus Fleisch – weiter schweben, auch wenn die Hände, die sie hielten, längst zur Ruhe gekommen sind.


Weiteres zum 5. Dezember

1926: Der impressionistische Maler Claude Monet starb im Alter von 86 Jahren in Giverny (vgl.: Candle in the snow).

2021: Im Kunstmuseum Ahrenshoop begann die Retrospektive „Die Eicken“ über die deutsche Malerin Elisabeth von Eicken. (siehe auch: Adventskonzert)