Wann

November 3, 2026    
Ganztägig

Veranstaltungstyp

An diesem milden Novembernachmittag, an ihrem 47. Geburtstag (3. November 1893), saß Elizabeth Thompson in ihrem Atelier, das vom Duft frisch gebackenen Kuchens erfüllt war. Ihre Schwester Alice Christiana Gertrude Meynell war gerade eingetroffen, elegant wie immer, mit diesem leisen, wachen Blick, der zugleich prüfend und liebevoll war. Die beiden setzten sich an den kleinen runden Tisch am Fenster, wo der Tee bereits dampfte und das Licht des frühen Abends die Farben im Raum weich werden ließ.

Elizabeth begann zu erzählen, erst zögerlich, dann mit wachsender Wärme. Ihre jüngsten Reisen hatten sie tief bewegt, doch keine so sehr wie jene nach Ägypten. „Alice“, sagte sie und strich gedankenverloren über den Rand ihrer Tasse, „dieses Land hat mich verzaubert. Die Weite der Wüste, die Stille, die sich wie ein Mantel um einen legt… und dann diese Farben. Ein Gold, das nicht von dieser Welt zu sein scheint.“ Sie sprach von den Tempeln, deren Säulen im Abendlicht wie glühende Wächter wirkten, von den Menschen, deren Gelassenheit sie beeindruckt hatte, und von dem Gefühl, dort einer Zeit zu begegnen, die gleichzeitig vergangen und gegenwärtig war. „Ich hatte das Gefühl, als würde die Erde selbst atmen“, sagte sie leise.

Alice hörte aufmerksam zu, ihre Hände gefaltet, ihr Blick voller jener poetischen Klarheit, die sie so oft in ihren Texten einfing. „Vielleicht“ meinte sie schließlich, „hat Ägypten etwas in dir berührt, das schon immer da war. Eine Blume des Geistes, die nur auf das richtige Licht gewartet hat.“

Elizabeth lächelte. „Blumen des Geistes… ja, vielleicht ist es das. Diese inneren Gewächse, die wir pflegen müssen, damit sie nicht verwelken.“ Sie sprachen über solche Blumen: die Geduld, die wie eine unscheinbare, aber widerstandsfähige Pflanze im Schatten wächst; die Einbildungskraft, die sich wie eine wilde Kletterrose ausbreitet, wenn man sie lässt; die Wahrhaftigkeit, klar und schlicht wie eine weiße Lilie; und die Freundlichkeit, die sich wie ein warmer Duft im Raum ausbreitet, ohne je aufdringlich zu sein.

Das Gespräch wurde tiefer, fast träumerisch. Die Schwestern sprachen über Kunst, über das Schreiben, über die seltsame Art, wie innere Bilder manchmal stärker leuchten als die äußere Welt. Elizabeth lehnte sich zurück, schloss für einen Moment die Augen, um ein Gefühl zu fassen, das sich in ihr regte.

Da war es plötzlich – ein sanftes, kaum spürbares Berühren, als würde etwas Rundes, Weiches ihre Schulter streifen. Ein Hauch von Blüten, ein leises Knistern, als ob ein zarter Ballon aus duftenden Blättern an ihr vorbeigeschwebt wäre (siehe auch: Blütenballon an der Tür). Sie öffnete die Augen, überrascht, fast erschrocken. Der Raum war still. Alice sah sie fragend an.

„Hast du… etwas gesehen?“, fragte Elizabeth, doch ihre Stimme klang mehr verwundert als beunruhigt.

Alice schüttelte den Kopf, lächelte aber. „Vielleicht war es nur ein Gedanke, der sich materialisieren wollte.“

Elizabeth blickte zum Fenster, wo das Licht inzwischen weicher geworden war, beinahe rosig. Für einen Moment war sie sich nicht sicher, ob sie wirklich wach gewesen war oder ob die Blumen des Geistes, über die sie gesprochen hatten, sich einen kleinen Scherz erlaubt hatten.

Sie atmete tief ein, lächelte schließlich und griff nach ihrer Teetasse. „Vielleicht“, sagte sie, „war es einfach ein Geschenk des Tages.“

Und während die beiden Schwestern weiterredeten, schien der Raum selbst ein wenig heller zu werden, als hätte sich irgendwo im Unsichtbaren tatsächlich eine Blüte geöffnet.


Weiteres zum 3. November:

1846: Die britische Malerin Elizabeth Thompson wurde in Lausanne geboren (siehe auch: Blütenballon an der Tür).

2006: In der Schweiz begann die Retrospektive „Dürer. Meisterstiche“ im Kunsthaus Zürich (siehe auch: Weißdorn).

2019: In Bremen endete im Overbeck-Museum die Retrospektive „Fritz Overbeck. Das Frühwerk“ über Fritz Overbeck (siehe auch: Weißes Segelschiff).