Das Letzte Gedicht „Die Nonnen“ aus „Christus / Elf Visionen“ von Rainer Maria Rilke öffnet einen stillen, fast entrückten Raum, in dem das klösterliche Leben nicht als starre Askese erscheint, sondern als ein innerer Weg voller Sehnsucht, Hingabe und zugleich zarter Verletzlichkeit. Er betrachtet die Nonne weniger als abgeschlossene Figur hinter Klostermauern, sondern als Mensch, der in der Spannung zwischen irdischer Empfindung und geistiger Berufung lebt. Ihr Alltag wirkt bei Rainer Maria Rilke wie ein feines Geflecht aus Ritual, Einsamkeit und spirituellem Ringen — ein Leben, das nicht durch äußere Strenge definiert ist, sondern durch die Tiefe eines inneren Gesprächs mit dem Göttlichen. Dadurch entsteht ein Bild, das sowohl respektvoll als auch poetisch durchleuchtet ist: Die Nonne wird zu einer Gestalt, deren stille Existenz von einer intensiven, fast leuchtenden Innerlichkeit getragen wird.
Die Nonnen
Die blonde Schwester trat in ihre Zelle
und schmiegte sich an sie: „Um meine Ruh
ist es geschehn. Ich wurde wie die Welle
und muß den fremden Meeren zu.
Und du bist klar. Du Heilige, du Helle,
mach mich wie du.
Gieb mir den Frieden, den du heimlich hast
und ohne Angst, so wie ihn keine hat, –
gieb mir die Rast;
daß ich ein Fels bin, wenn die Flut mich faßt,
und nicht ein Blatt.“
Und leise neigte sich die Nonnenhafte –
nicht tief:
nur wie die Blüte horcht vom hohen Schafte,
wenn Wind sie rief.
Sie hatte längst die Gesten den Geländen
entlernt – die leise gebenden –
und fügte einen Kranz aus ihren Händen
und schenkte lächelnd ihn der Bebenden.
Und nach dem Schweigen waren sie sich nah;
so daß sie sich nicht dunkel fragen mußten
und sich nur klar das Letzte sagen mußten
und das geschah:
„Sprich mir von Christo, dessen Braut du bist,
der dich erkor.
Und seine Liebe, deren Laut du bist,
tu auf mein Ohr.
Laß mit mich wohnen
in seiner Trauer, deren Trost du bist!
Du Leiserlöster. weo erlost du bist
aus Millionen.“
Da küßte kühler sie die Priesterin
und sprach:
„Ich bin ja selbst an Gottes Anbeginn,
und dunkel ist mir meiner Sehnsucht Sinn –
Weit ist der Weg, und keiner weiß wohin,
doch sag ich dir, weil ich die Schwester bin:
Komm nach.
Mit einemmale wird dir Alles weit,
du langst dir nach.
Nur eine Weile geht noch aus der Zeit
die Angst dir nach.
Doch wenn du glaubst, so kann sie weit nicht mit
und sie wird lahm
und bleibt zuletzt.
Und wie es kam?
Das, was ich einmal litt,
lobpreis` ich jetzt.
Und Nächte giebt es, da die blasse Scham
entflieht,
da schenkt sich Jesus wie ein Lied
mir hin,
und meine Seele sieht,
daß ich ein Wunder bin,
das ihm geschieht.“
Die Schwestern waren Brust an Brust gepreßt
und beide jung im Glühn des gleichen Scheines:
„Dann bin ich mit dem großen Leben Eines
und fühle tief: das ist das Hochzeitsfest,
und alle Krüge wurden Krüge Weines.“
Da neigten die Mädchen sich Leib an Leib:
es war, als ob derselbe Sturm sie streifte
und sie umwob
und dann die Blonde hob
in einen Sommer hoch, darin sie reifte
– zum Weib.
Denn sie küßte die Schwester mit fremdem Kuß
und lächelte fremd: „Vergieb, – ich muß. –
Weißt du noch von dem blonden Gespielen?
Und wir warfen nach weißen Zielen
schlanke Speere im alten Park:
Der ist jetzt stark.“
Und da hielt die Nonne die Schwester nicht –
sah der Schwester nicht ins Gesicht,
ließ sie ganz langsam los,
wurde groß…
Die Blonde erschrak; denn kein Segen kam,
und bange bat sie: „So bist du mir gram?“
Die Heilige träumte: Ich hab dich lieb.
Und hielt der Schwester die Hände her,
leer, –
als flehte sie: gieb.
Dieser Text ist Gemeinfrei.
In Rainer Maria Rilkes Gedicht „Die Nonne“ begegnet uns eine Gestalt, die in der Stille ihres klösterlichen Lebens zugleich geborgen und verletzlich erscheint. Ihr Dasein ist geprägt von einer tiefen inneren Bewegung: ein Lauschen, ein Ringen, ein Sich-Hingeben an etwas Größeres, das sie trägt und zugleich herausfordert. Die Nonne lebt in einer Welt der Rituale und des Schweigens, doch dieses Schweigen ist nicht leer — es ist erfüllt von Sehnsucht, von einer zarten, fast scheuen Nähe zum Göttlichen. Der Dichter zeigt sie als jemanden, der nicht abgeschnitten ist von der Welt, sondern in einer anderen Intensität mit ihr verbunden bleibt.
Wenn man dieses poetische Bild neben die Grußkarte „Weinflaschen im Grünen“ stellt, entsteht ein überraschend stimmiger Resonanzraum. Die zwei Weinflaschen, dicht beieinander, jede geschmückt mit einer blauen Blume, wirken wie stille Gefäße von Beziehung und Verbundenheit. Sie stehen im Grünen, im offenen Atem der Natur, und hinter ihnen ruht ein altes Klavier — ein Symbol für Musik, Erinnerung, vielleicht auch für das Unausgesprochene, das dennoch mitschwingt.
Zwischen dem poetischen und dem bildhaften entsteht eine Brücke: Die Nonne lebt in einer Welt der inneren Einkehr, und die beiden Weinflaschen im Garten erinnern an jene stille Gemeinschaft, die ohne Worte auskommt. Die blauen Blumen auf den Flaschen tragen etwas von der Reinheit und Zartheit, die Rilke der Nonne zuschreibt. Und das alte Klavier im Hintergrund wirkt wie ein Echo ihrer inneren Musik — eine Melodie, die nicht gespielt wird, aber dennoch den Raum erfüllt.
Beide Bilder — das Gedicht und die Karte — erzählen von Stille, Nähe und einer tiefen, leisen Verbundenheit, die sich nicht aufdrängt, sondern einfach da ist. Sie laden ein, das Unsichtbare zwischen den Dingen wahrzunehmen: die Beziehung, die Hingabe, das stille Leuchten im Alltag.
Angaben zur Grußkarte:
Titel: Weinflaschen im Grünen
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
1. Auflage: August 2025
Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria), Kalenderblatt (vermutlich Made in Germany)
Quelle:
Rainer Maria Rilke: Christus. Elf Visionen. In: Sämtliche Werke. Band 1: Gedichte 1895–1902. Frankfurt am Main: Insel Verlag.
