Rainer Maria Rilkes Gedicht „Die Kinder“ aus dem Zyklus „Christus / Elf Visionen“ ist Teil einer Sammlung, die sich mit visionären Bildern des Christus auseinandersetzt. In „Die Kinder“ erscheinen Kinder als Lichtgestalten, die aus der Dunkelheit hervortreten und sich Christus nähern. Diese Bewegung aus dem Schatten ins Licht verweist auf zentrale christliche Motive wie Erlösung, Gnade und das Vertrauen des Kindes in die Liebe Gottes.

Der Dichter beschreibt die Kinder nicht als passive Empfänger von Dogmen, sondern die intuitiv Christus erkennen. Ihre Reinheit und Unmittelbarkeit stehen im Kontrast zur oft starren religiösen Praxis. Damit greift Rainer Maria Rilke die christliche Vorstellung auf, dass Kinder dem Himmel besonders nahe sind – wie es etwa in Jesu Worten „Lasset die Kinder zu mir kommen“ (vgl. Mt 19,14) zum Ausdruck kommt.

Die Kinder

Das war
ein Mann inmitten einer Kinderschar.
Schlicht um die Schultern lag ihm der Talar,
und heimathell war ihm das Heilandshaar.
Und wie um einen frühen Frühlingstag
sich, jäherwacht, die Blüten staunend scharen,
so kamen Kinder zu dem Wunderbaren,
den keiner von den Alten nennen mag.
Die Kinder aber kennen ihn schon lang
und drängen in das offene Tor der Arme –
ein blasses betet: Du bist das „Erbarme“,
nach dem die Mutter ihre Hände rang.
Und leise flüstert ihm das wangenwarme:
„Nichtwahr, du wohnst im Sonnenuntergang,
dort wo die Berge groß und golden sind.
Dir winkt der Wipfel und dir singt der Wind,
und guten Kindern kommst du in die Träume.“
Da neigen alle sich wie Birkenbäume.
Es neigen sich die Blonden und die Braunen
vor seinem Lächeln, und die Alten staunen.
Und Kinder flüchten sich von allen Seiten
in seinen Segen heim wie in ein Haus,
und lauschen alle. Seine Worte breiten
weit über sie die weißen Flügel aus:

„Hat einmal eins von euch schon nachgedacht,
wie eilig euch die leisen Stunden führen
an jedem Tag und in jeder Nacht
durch tausend Tore und durch tausend Türen.
Noch gehn die Angeln alle leicht und leise
und alle Pforten fallen scheu ins Schloß;
noch bin ich Warner euch und Weggenoß,
doch weit aus meinen Reichen reift die Reise.
Ihr wollt ins Leben, und das bin ich nicht,
ihr müßt ins Dunkel, und ich bin das Licht,
ihr hofft die Freude, ich bin der Verzicht,
ihr sehnt das Glück und – ich bin das Gericht.“
Er schwieg. Von ferne  horchten auch die Großen.
Dann seufzte er: „Ihr müßt mich nicht verstoßen,
wenn wir zusammen an den Marken stehn.
Mich mitzunehmen seid ihr dann zu jung;
doch schaut ihr mal zurück von euren Fahrten
vielleicht in einen armen Blumengarten,
vielleicht ins Mutterlächeln einer zarten
versehnten Frau, vielleicht in ein Erwarten:
Ich bin die Kindheit, die Erinnerung.
Gebt mir die Hand, schenkt mir (im) Weitergehn
noch einen Blick, der schon ins Leben tauchte,
aus dem der neue und noch niegebrauchte
Gott seine Hände euch entgegenhält.
Ihr dürft hinaus. Es wartet eine Welt.“

Sie horchten hastig seinem Verheißen,
ihre Wangen waren so warm:
„Werden wir an den Türen reißen?!“
ruft ein wilder Kleiner im Schwarm.
Und da bettelt er bang: „Du führe
schnell uns weiter durch Wasser und Wald,
und die große, die letzte Türe
kommt sie dann bald?“

So an dem Glück, das der Meister verkündet,
haben sich hell seine Augen entzündet,
und er blüht in der Sonne auf.
Aber da hebt sich aus horchendem Hauf
einsam ein Kleiner, ihm weht das verworrne
welkende Haar um die Stirne gebläht
wie die zerrissene Zier überm Zorne
eines Helmes weht.
Seine Stimme flattert und fleht:
„Du!“ er klammert um seine Knie
bange die armen hungernden Hände –
„Solche Worte vom ewigen Ende
sagtest Du nie!
Wenn die andern undankbaren
weiter wollen zu jagenden Jahren –
ich bin anders, anders wie sie!“
Und er umklammert im Krampfe die Knie. –

Und die Lippen des Lichten erbeben,
und er neigt sich dem Weinenden leise:
„Giebt die Mutter dir Spiel und Speise?“
Da schluchzt ihm der Knab in den Schooß:
„Zum Spielen bin ich zu groß.“
„Bringt sie dir morgens ins Stübchen
deine Brühe warm?“
Da bebt das bangende Bübchen:
„Bin zum Essen zu arm.“
„Küßt sie dir nie die Wange
mit ihrer Liebe rot?“
Da gesteht er: „Lange, lange
ist mir Mutter tot.“…
Und die Lippen des Lichten erbeben
wie Blätter im herbstlichen Hain:
„Oh dann warst  du schon draußen im Leben,
und wir können beisammen sein.“

Dieser Text ist Gemeinfrei.

In Rainer Maria Rilkes Gedicht Die Kinder“ aus Christus / Elf Visionen“ erscheint die kindliche Reinheit als ein Tor zum Göttlichen. Die Kinder sind für ihn nicht nur unschuldige Wesen, sondern Verkörperungen einer ursprünglichen Nähe zu Christus, einer Offenheit, die das Geheimnis des Glaubens und der Liebe unmittelbar erfahrbar macht. Sie tragen eine stille, ungebrochene Dankbarkeit in sich – ein Vertrauen, das nicht durch Zweifel oder Lasten der Welt beschwert ist.

Die Grußkarte Dankbare Taube“ greift diese Haltung in einem poetischen Bild auf: Die große weiße Taube aus Seidengarn, die über die Berglandschaft fliegt, wird zum Sinnbild jener reinen, kindlichen Hingabe. Ihr Flug über die Berge erinnert an die Erhebung des Geistes, an das Übersteigen der Schwere des Irdischen. Das seidene Material verleiht der Taube eine zarte, fast durchscheinende Qualität, die wie die Kinder bei Rainer Maria Rilke auf eine unsichtbare, aber spürbare Verbindung zum Göttlichen verweist.
So entsteht ein Resonanzraum zwischen Wort und Bild: Rilkes Kinder, die in ihrer Dankbarkeit Christus nahe sind, und die Taube, die als Symbol des Friedens und der spirituellen Erhebung über die Landschaft gleitet. Beide Motive tragen die gleiche Botschaft – dass Dankbarkeit und Reinheit den Menschen über die Grenzen des Sichtbaren hinausheben können. Die Karte wird damit zu einer visuellen Fortführung von Rilkes Vision: ein stilles, leuchtendes Zeichen dafür, dass die Seele im Vertrauen und in der Dankbarkeit Flügel erhält.

Angaben zur Grußkarte:
Grußkarte, Fadendesign, heller Raum, Kugellampe,Titel: Dankbare Taube
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
1. Auflage: Juli 2025

Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria), Kalenderblatt (vermutlich Made in Germany)


Quellen:

  • Rainer Maria Rilke: Christus. Elf Visionen. In: Sämtliche Werke. Band 1: Gedichte 1895–1902. Frankfurt am Main: Insel Verlag.
  • Gunnar Decker:  Rilke – Der ferne Magier. Eine Biographie. Siedler Verlag, München 2023