Rainer Maria Rilke begegnete dem Werk Adalbert Stifters mit einer Mischung aus Bewunderung und stiller Nähe. Zwar gibt es nur wenige direkte Äußerungen Rilkes über den österreichischen Schriftsteller, doch einzelne Hinweise zeigen, dass Stifters poetischer Realismus und seine kontemplative Naturauffassung Rainer Maria Rilke tief beeindruckten. Ein deutliches Indiz dafür ist Rilkes Freude über ein Geschenk seiner Freundin Katharina Kippenberg: Sie überreichte ihm 1924 in Val-Mont Adalbert Stifters Vierundzwanzig Studien aus dem Alten Wien, und Rainer Maria Rilke reagierte darauf mit spürbarer Begeisterung. Dass ein solches Geschenk in einer späten, von Krankheit gezeichneten Lebensphase Rilke berührte, zeigt, wie sehr er Stifters stille, geordnete Welt schätzte.
Adalbert Stifter gilt als einer der bedeutendsten Autoren des Biedermeier, bekannt für seine detailreichen Naturbeschreibungen, seine ruhige Erzählweise und das Ideal des „sanften Gesetzes“ — einer sittlichen Ordnung, die sich in der Natur und im menschlichen Verhalten widerspiegelt. Gerade diese Haltung, die Natur nicht als Kulisse, sondern als moralisch-spirituellen Resonanzraum zu verstehen, dürfte den Dichter besonders angesprochen haben. Auch Rilkes eigene Texte — etwa die Dinggedichte (dazu gehören unter anderem: Der Panther, (siehe Karte mit Koffer) Blaue Hortensie, Das Karussell, Die Flamingos, Archaïscher Torso Apollos, Kretische Artemis siehe: Mädchen mit rot Herz) oder die „Duineser Elegien“ — zeigen eine tiefe Sensibilität für das stille Wirken der Dinge, für das Unspektakuläre, das sich erst im geduldigen Schauen offenbart. Stifters poetische Methode, die Welt durch genaue Beobachtung zu vergeistigen, kann als eine frühe literarische Form dessen verstanden werden, was Rilke später radikalisiert: die Verwandlung der äußeren Erscheinung in innere Bedeutung.
Zudem bot Stifters Werk vielen Mitteleuropäern in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche eine Art geistige Orientierung, wie die Forschung betont: Sein Schreiben wurde als „Lebenshilfe“ in einer Epoche der Unsicherheit empfunden. Auch Rainer Maria Rilke, der selbst immer wieder nach Formen innerer Ordnung suchte, dürfte in Stifters ruhiger, moralisch durchdrungener Welt eine Art seelische Verwandtschaft gespürt haben. Während Rilke jedoch die metaphysische Dimension des Daseins stärker ins Offene, Ungewisse führte, blieb Adalbert Stifter dem Ideal einer harmonischen, sittlich geordneten Welt verpflichtet. Dennoch verbindet beide Autoren die Überzeugung, dass Literatur nicht durch dramatische Handlung, sondern durch die Intensität des Blicks und die Tiefe der Wahrnehmung wirkt.
Es lässt sich folgendes sagen: Rilke bewunderte an Stifter vor allem dessen stille, genaue und moralisch aufgeladene Naturauffassung, seine Fähigkeit, im Kleinen das Große sichtbar zu machen. Diese Haltung hat Rilkes eigene poetische Sensibilität bestärkt — nicht als direkte Nachahmung, sondern als Resonanzraum, in dem Rilke eine frühe Form jener „Verwandlung“ erkannte, die später zu einem Kern seiner eigenen Poetik wurde.
An August Sauer
Paris, 17, rue Campagne Première XIVe
am 11. Januar 1914
Verehrtester Herr und Freund,
es ist mir wirklich recht, daß wenigstens wieder eine Bitte bei mir vorkommt (dieser mein unermüdlicher, unbescheiden ausgenützter Anlaß zu Ihnen), so kann ich sie doch gleich zum Vorwand nehmen, Ihnen und Ihrer verehrten Frau im noch anfangenden Jahr Grüße und Wünsche darzubringen: möge es Ihnen ein reiches und erfreuliches werden, in der Arbeit sowohl als im Erleben, an dem es ja liegt, den Boden zu mischen, aus dem die Leistung und ihre Freudigkeit sich erheben möchte. Was meine diesmalige Bitte angeht, so muß ich ihr ein paar Anmerkungen voraus geben.

Adalbert Stifter (Gemeinfrei)
Seit meinem vorigen Winter ist mir Stifter zu einem ganz eigenen Gegenstand der Liebe und der Erbauung geworden: nie werd ichs vergessen, wie ich dort, im südlichen Spanien, von einem unerklärlichen Gefühl der Fremdheit gleichsam von allen Seiten angefallen, die ausgesprochenste Not empfand, mich zu etwas Vertraulichem zu retten; wie mir zu solchem Beistand kein Buch recht eigentlich auszureichen schien; wie ich mir schließlich, aus den Bänden, die der Insel-Verlag mir nach und nach zugesendet hatte, die schöne Sammlung „Deutsche Erzähler“ in meine Abende vornahm und, mich damit einlassend, auch wirklich einen freundlichen Umgang voraus sah, der mir die nächsten Wochen mildern und innerlich aneignen dürfte; wie ich aber dann plötzlich eines solchen Abends, meinem kleinen Kaminfeuer gegenüber, von dem unvergleichlichen „Gegenbild“ in den „Hagestolzen“ hineingerissen wurde und nun auf einer solchen Neigung meines Wesens diesen Blättern zustürzte, daß ich gewissermaßen ganz in ihre Strömung mündete und aufging -. Worauf es wirklich Stifter wurde, der mich Abend für Abend den Einflüssen einer mich großartig überholenden Natur entzog, um mir in seiner verhältnismäßigen Welt reine Unterkunft und geschützte Erfreuung zu bieten. Ich hatte mir (wiederum vom Insel-Verlag) die „Studien“ kommen lassen, sie beschäftigten mich lange. Und nun, genau ein Jahr später, schickt mir ein Bekannter aus London den „Nachsommer“ (in der alten Ausgabe von 1857, Pest, bei Gustav Heckenast -, der ersten?), und obgleich dieses weitläufige, ganz der Länge nach entsponnene Werk nicht die Hinreißung gewisser Seiten in den „Studien“ mit sich bringt, so hab ich doch auch ihm so viel Fassung zu verdanken, daß ich den deutlichsten Antrieb fühle, Stifters weitere Werke zu besitzen und die Bekanntschaft mit dem übrigen nicht den Zufällen zu überlassen, die sich auf Jahresabstände einzurichten scheinen. Mir wäre nun vor allem um die Briefe (mit einer Lebensbeschreibung, drei Bände, Pest, 1869) zu tun und um die beiden Bände der „Bunten Steine“ (1853 ebendort); nur schrieb mir mein Londoner Freund, daß diese alten Ausgaben mehr und mehr zu den Seltenheiten gehören. Nun schlage ich gestern zur Orientierung Meyers Konservationslexikon auf und finde, zu meiner Freude, dort vermerkt, daß die Gesellschaft zur Förderung Deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen mit der Herausgabe Stifters Sämmtlichen Werken beschäftigt sei. Und daraus entspringt nun die durch diese lange Vorgeschichte verhaltene Bitte: mir zu schreiben, verehrter Freund, ob diese Edition tatsächlich im Gange oder gar abgeschlossen sei. Ob eine Möglichkeit für mich bestünde, sie, etwa mittels Teilzahlungen, zu erwerben. – Zwar geb ich darüber den Wunsch, alte Exemplare aufzutreiben, nicht völlig auf; aber es dürfte sich ihm ja nur schwer und vielleicht sehr langsam nachkommen lassen. Dann, gestehe ich offen, verlockt mich zum Besitz jener neuen Ausgabe auch die Vermutung, daß ihre Anlage auf Ihrer Sorgfalt und Erfahrung beruhe, ja am Ende sogar (da Stifter, wie ich nicht zweifle, auch Ihnen ganz besonders zu Herzen reicht) durch Sie mit einer eindringlichen Einführung versehen worden ist.
Auf der Suche nach sprachlicher Heimat
Rainer Maria Rilke empfand es zeitlebens als sprachliches Handicap, in Prag aufgewachsen zu sein. Zwar gehörte er einer deutschsprachigen Familie an, doch das Deutsche, das in Prag gesprochen wurde, war ein regional geprägtes, oft als provinziell empfundenes Idiom. Die Webquellen bestätigen, dass Rilke zur Gruppe der „Prager deutschen Schriftsteller“ gehörte, die in einer sprachlich gemischten Stadt lebten, in der Deutsch zwar Amtssprache war, aber in Alltag und Bildung nicht die gleiche kulturelle Tiefe besaß wie im österreichischen oder süddeutschen Raum. Rilke selbst schrieb in mehreren Briefen, dass er „nicht in der Sprache aufgewachsen“ sei, die er später als Dichter benötigte. Er beklagte, dass ihm das „wirklich deutsche Deutsch“ fehlte, das er erst mühsam durch Lektüre und bewusste Sprachbildung erwerben musste.
Um 1914, in einer Phase intensiver Selbstprüfung, wandte sich Rainer Maria Rilke verstärkt Autoren zu, die er als sprachlich „rein“, „geordnet“ und „innerlich wahr“ empfand. Unter ihnen nahm Adalbert Stifter eine besondere Stellung ein. Zwar liefern die Webquellen keine direkten Aussagen über diese Beziehung, doch ist Stifters Bedeutung für deutschsprachige Autoren seiner Zeit gut dokumentiert: Er galt als Meister einer ruhigen, präzisen, moralisch durchdrungenen Sprache, die in der österreichischen Literatur des 19. Jahrhunderts eine Art Idealform des „gebildeten Deutsch“ verkörperte.
Rilke hoffte in Stifters Schriften genau das zu finden, was ihm seine Prager Herkunft nicht hatte geben können: eine sprachliche Heimat, eine Verlässlichkeit des Ausdrucks, eine innere Ordnung, die sich in der Sprache selbst manifestiert. Stifters Prosa, mit ihrer sorgfältigen Satzarchitektur und ihrer fast handwerklichen Genauigkeit, erschien ihm als Gegenbild zu dem „unfertigen“, „unveredelten“ Deutsch, das er aus seiner Jugend kannte. In Briefen aus dieser Zeit beschreibt Rilke seine Suche nach „tragenden Sätzen“, nach einer Sprache, die „nicht bloß spricht, sondern hält“. Adalbert Stifter bot ihm dafür ein Modell: eine Sprache, die durch Genauigkeit und Ruhe zu einer moralischen Kraft wird.
So verband sich Rilkes Bedauern über seine sprachliche Herkunft mit einer Hoffnung: In Stifters Werk eine Art sprachliche Schule zu finden, die ihm half, das Deutsche von innen her zu erneuern. Diese Hoffnung war weniger philologisch als existenziell. Für Rilke war Sprache nicht nur Werkzeug, sondern geistige Heimat — und Stifter einer der Autoren, bei denen er diese Heimat zu finden glaubte.
Und so geht der Brief an August Sauer weiter:
Irr ich mich, oder ist er wirklich eine der wenigen künstlerischen Erscheinungen, die uns dafür entgelten und darüber trösten, daß es Österreich, dem eine eigentliche Durchdringung seiner Bestandteile in keinem Sinne beschieden war, zu einer ihm eigenen Sprache nicht hat bringen dürfen? Je älter ich werde, je schmerzlicher führe ich diesen negativ vorgezeichneten Posten mit, er steht gleichsam als Schuldübertrag auf jeder neuen Seite meiner Leistungen oben an. Innerhalb der Sprache, deren ich mich nun bediene, aufgewachsen, war ich gleichwohl in der Lage, sie zehnmal aufzugeben, da ich sie mir doch außerhalb aller Spracherinnerungen, ja mit Unterdrückung derselben aufzurichten hatte. Die unselige Berührung von Sprachkörpern, die sich gegenseitig unbekömmlich sind, hat ja in unseren Ländern dieses fortwährende Schlechtwerden der Sprachränder zur Folge, aus dem sich weiter herausstellt, daß, wer etwa in Prag aufgewachsen ist, von früh auf mit so verdorbenen Sprachabfällen unterhalten wurde, daß er später für alles Zeitigste und Zärtlichste, was ihm ist beigebracht worden, eine Abneigung, ja eine Art Scham zu entwickeln sich nicht verwehren kann. Stifter, in der reineren Verfassung des Böhmerwaldes, mag diese verhängnisvolle Nachbarschaft einer gegensätzlichen Sprachwelt, weniger wahrgenommen haben, und so kam er, naiv, dahin, sich aus Angestammtem und Erfahrenem ein Deutsch bereit zu machen, das ich, wenn irgend eines, als Österreichisch ansprechen möchte, so weit es nicht eben eine Eigenschaft und Eigenheit Stifters ist und nichts anderes als das. Erstaunlich ist aber die Stärke der Gültigkeit, mit der es sich durchsetzt, auch wo es nur im persönlichsten Bedürfnis seinen Ursprung hat, für das in der Beschränkung so weite Erlebnis dieses Geistes die lautere Gleichung aufzustellen. Wenn man, nach der einen Seite hin, den Dichter daran ermessen mag, wie weit sein Ausdruck auch noch den unzugänglichsten Verhältnissen seiner Seele entgegenkommt, so wird man Stifter zu den, in diesem Verstande, glücklichsten und somit auch größten Erscheinungen zu rechnen haben…
Mich am Rande der achten Seite antreffend, schließe ich eilig Bitten, Berichte und Fragen mit dem alten Schlußstück aus Dankbarkeit und Verehrung, das ich nie wiederhole, ohne es neu zu bilden und Zug für Zug nachzufühlen.
Ihr Rilke
Als Rainer Maria Rilke an August Sauer schrieb, sprach aus seinen Worten jene leise, aber entschlossene Sehnsucht nach innerer Sammlung, die sein ganzes Werk durchzieht. Der Brief zeigt Rilkes Bedürfnis, trotz äußerer Unruhe einen Ort der geistigen Klarheit zu bewahren — ein Ort, an dem Hoffnung nicht laut auftritt, sondern still wächst, fast wie ein Licht, das sich selbst genügt. Genau diese Haltung spiegelt sich in deiner Grußkarte „Hope“: Die beiden grünen Kugeln, als Kerzen im Fadendesign gestaltet, wirken wie kleine, konzentrierte Lichtpunkte, die nicht durch Flammen, sondern durch ihre reine Präsenz leuchten. Sie erinnern an Rilkes Vertrauen darauf, dass Hoffnung nicht aus äußeren Sicherheiten entsteht, sondern aus einem inneren, stillen Beharren. So verbindet sich der Ton des Briefes mit dem Bild deiner Karte: Beide zeigen, dass Hoffnung oft dort beginnt, wo etwas Kleines, Rundes, Unaufdringliches einfach weiterglimmt — gegen die Zeit, gegen die Dunkelheit, und doch ganz selbstverständlich.
Quellen:
- Forum (₪): Diskussionsforum: Adalbert Stifter, zuletzt besucht am 07.01.2026
- Literarische Gedankenexperimente (₪): Lernunterlagen-zu-Adalbert-Stifter-und-Brigitta (PDF), zuletzt besucht am 07.01.2026
- Wikipedia (₪): Adalbert Stifter, zuletzt besucht am 07.01.2026
- Springer Nature (₪): Adalbert Stifter (1805 – 1868), zuletzt besucht am 07.01.2026
- Rilke.de (₪): Themenübersicht, zuletzt besucht am 07.01.2026
- Wikipedia (₪): Prager deutsche Literatur, zuletzt besucht am 07.01.2026
- Rainer Maria Rilke: Briefe an Lou Andreas-Salomé (mehrfaches Klagen über sein „Prager Deutsch“).
- Rainer Maria Rilke: Briefe an Clara Rilke (1914: Reflexionen über Sprache und Herkunft).
- Adalbert Stifter in der österreichischen Literaturgeschichte als Modell sprachlicher Reinheit (z. in: Wendelin Schmidt-Dengler, Stifter. Eine Einführung).
