Rainer Maria Rilke befand sich in den Jahren 1896 und 1897 in einer entscheidenden Umbruchphase seines Lebens. Er war noch sehr jung, lebte und studierte in München, wo er literarische Kontakte knüpfte – etwa zu Jakob Wassermann – und bald darauf Lou Andreas-Salomé begegnete, die für seine geistige und künstlerische Entwicklung prägend werden sollte. In dieser Zeit begann er, sich intensiver mit Fragen des Glaubens und der religiösen Sinnsuche auseinanderzusetzen. Das Gedicht „Die Waise“, das den Auftakt seines Zyklus „Christus / Elf Visionen“ bildet – er verfasste dieses Gedicht am 5. Oktober 1896 -, spiegelt diese innere Bewegung wider: Es zeigt ein Kind, das den Tod der Mutter erlebt und versucht, Trost in der Vorstellung einer himmlischen Heimat zu finden. Die religiöse Dimension erscheint hier nicht als dogmatische Gewissheit, sondern als kindlich-naive Hoffnung, die zugleich von Zweifel und Bangigkeit durchzogen ist.

Gerade diese Spannung kennzeichnet die frühe religiöse Auffassung René Rilkes. Er war geprägt von der Frömmigkeit seiner Mutter, die er später als „zerstreute“ und „eigensinnige“ empfand, und suchte nach einem eigenen Zugang zum Christentum. In „Die Waise“ wird deutlich, wie sehr ihn die Frage nach Trost und Erlösung beschäftigte: Das Kind schwankt zwischen der Angst vor der dunklen Erde des Grabes und der Sehnsucht nach einem lichten Himmel, der als Märchenstadt voller Liebe und Geborgenheit erscheint. Diese Bilder zeigen Rainer Maria Rilkes Versuch, das Christentum nicht als starres Glaubenssystem, sondern als poetische und visionäre Möglichkeit zu begreifen.

Die Waise

Sie trollten sich. Es war ein schlecht Begängnis,-
die letzte Klasse. Keine Glocke klang.
Die Kleine sann: Lang war die Mutter krank,
durch Jahre war die Stube ihr Gefängnis.
Sie sagten Alle heute: Gott sei Dank –
sie ist erlöst. – Ihr aber war so bang
vor einem unerklärlichen Verhängnis.
Ja, und was jetzt? Sie haben sie verscharrt.
Du lieber Gott, was ist doch gar so hart
der feuchte Hügel da von Schutt und Steinen.
Und Mütterchen war doch gewohnt an Leinen
als weiches Lager. Und ihr kommt ein Weinen.
Warum sie sie so schlecht gebettet haben?
Warum in dumpfe, schwarze Erde graben
was hoch im Himmel helle Heimat hat? –
Der Himmel! Das muß eine Märchenstadt
mit goldnen Kuppeln sein und weißen Gassen,
dort ist nur Licht und Liebe – nicht zu fassen,
und niemand ist dort traurig und verlassen,
und selig Singen ist dort alles Tun.
Ein Stern ist Spielzeug wie das weiße Schaf,
mit dem die Kleine wohl zu spielen traf,
und ist dort oben eins besonders brav,
darfs in des Mondes Silberwiege ruhn,
verkrochen in der Wolken Flockenflaum.
Das muß ein Schlaf dort sein – und erst ein Traum!

Da sieht die Kleine aus dem Sinnen auf:
Der Frühling wartet rings mit tausend Blüten,
und wie in jenen tiefen Märchenmythen,
drin braune Zwerge rote Schätze hüten,
ist lauter eitel Gold der Kirchturmknauf.
Nein, ist die Gotteswelt doch eine Pracht
und neu, als hätt der Herr sie just gemacht;
der Kleinen ists ein Jubel – und sie lacht.
Da schaut sie: drüben an der Kirchhofmauer
lehnt noch ein Mann so reglos und so müd;
in seinem dunkelgroßen Auge glüht
wie eine trübe Totenkerze – Trauer.
Derb ist und bäuerisch sein grau Gewand;
ins wirre Haar krallt er die irre Hand
und starrt verloren nach der Berge Rand
als ob zum Fluge in das fremde Land
sich seiner Seele leise Schwinge breite.

Die Kleine trippelt kindisch ihm zur Seite
und staunt ihn groß mit Frageaugen an
und dann klingts alltagsfremd und unverdorben:
„Du, was bist du so traurig, fremder Mann, –
ist dir vielleicht auch Mütterchen gestorben?“
Er hört es nicht. Sein fremdes Auge sinnt
noch immer Wunder, und er sagt nur leise
ungern gestört wie der verlorne Weise
dem sich ein Neues drängt in Kraft und Kreise:
„Geh heim zu deiner Mutter, Kind.“

Da schrickt das Kind zusammen: „Du, ich habe
dir doch gesagt, ich hab nicht Mutter mehr.“
„So“, nickt der Fremde dumpf, „ist sie im Grabe?“
Er senkt die Hand aufs Haupt des Kindes schwer
und träumt den Segen: Leicht sei ihr die Erde.

Da ist der Kleinen wieder bang. Ihr nagts
am Herzen wieder wie ein wildes Weh,
sie schmiegt sich näher in des Grauen Näh:
„Nichtwahr, du weißt es auch, im Himmel seh
ich wieder sie – nichtwahr – der Pfarrer sagts?“
Das Wort verweht, ein leises Heimchen geigt,
die Kleine horcht, ein weißer Falter reigt,
die Kleine horcht, aus fernen Hütten steigt
ein Zitterrauch … Der große Graue schweigt.  

Dieser Text ist Gemeinfrei.

In den Jahren 1896/97 war René Rilke noch auf der Suche nach seiner dichterischen Stimme. Die religiösen Motive dienten ihm als Projektionsfläche für existentielle Fragen nach Tod, Verlust und Hoffnung. „Die Waise“ ist daher nicht nur ein Gedicht über ein Kind, sondern auch ein Spiegel seiner eigenen inneren Lage: die Unsicherheit eines jungen Dichters, der zwischen familiär geprägter Frömmigkeit und der Sehnsucht nach einer neuen, persönlichen Glaubensform steht. So lässt sich sagen, dass der Dichter in dieser Lebensphase das Christentum nicht verwarf, sondern es poetisch transformierte – zu einer Sprache der Visionen, die ihm half, seine eigene spirituelle Haltung zu entwickeln.

Die Grußkarte „Engelskerze“ trägt in sich die gleiche Sehnsucht, die Rilkes Gedicht „Die Waise“ durchzieht: das kindliche Staunen über den Himmel als Märchenstadt mit goldenen Kuppeln, ein Ort des Trostes jenseits der dunklen Erde. Zwei leuchtende Türme erheben sich auf der Karte wie Tore zu dieser himmlischen Heimat, zwischen ihnen schwebt ein Engel, der die Verbindung zwischen Erde und Licht verkörpert. Über ihm zieht eine weiße Taube ihre Bahn – Sinnbild des Friedens, der Hoffnung und der Wiedervereinigung, die das Kind im Gedicht erträumt. So antwortet die Grußkarte aus Fadendesign auf Rilkes Bilderwelt: Sie verwandelt die poetische Vision in ein sichtbares Zeichen, das Trost schenkt und den Blick nach oben lenkt.
Meine Inspiration zu dieser Karte entspringt dem alttestamentarischen Hohelied 8,15, dessen Sprache von Liebe und göttlicher Nähe durchdrungen ist. In dieser biblischen Tiefe und in Rilkes frühen Christus-Visionen begegnen sich Wort und Bild: Die Engelskerze wird zum leuchtenden Begleiter, der das Dunkel des Verlustes durchbricht und die Hoffnung auf eine Welt aus Licht und Liebe sichtbar macht

Angaben zur Grußkarte:
Titel: Engelskerze
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
1. Auflage: August 2025

Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria), Kalenderblatt (vermutlich Made in Germany)


Quellen:

  • Gunter Martens und Annemarie Fost-Martens: Rainer Maria Rilke, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 62
  • Rainer Maria Rilke: Christus. Elf Visionen. In: