In der Lyrik von Rainer Maria Rilke begegnet man immer wieder einer tiefen, fast ehrfürchtigen Traurigkeit. Es ist keine laute Verzweiflung, sondern ein leises, tastendes Erspüren jener Grenzbereiche des Lebens, die sich dem rationalen Zugriff entziehen. Besonders eindrücklich zeigt sich diese Stimmung im Gedicht „Weiße Seelen“, dass sich mit der Vorstellung von ungelebtem Leben und der Zerbrechlichkeit kindlicher Seelen auseinandersetzt.
Die „weißen Seelen mit den Silberschwingen“ erscheinen wie Wesen aus einer Zwischenwelt – zart, unberührt, voller Sehnsucht und zugleich voller Angst vor dem Leben, das ihnen bevorsteht. Der Dichter beschreibt sie als Kinderseelen, die „noch niemals sangen“, deren Dasein sich in immer weiteren Ringen ausdehnt, ohne je ganz anzukommen. Es ist ein Bild der Schwebe, des Noch-nicht-Seins, das eine tiefe Melancholie in sich trägt.
Diese Melancholie ist nicht nur Ausdruck von Trauer, sondern auch von Schönheit. Sie liegt in der Ahnung, dass jeder Schritt ins Leben zugleich ein Abschied von der Unschuld bedeutet. Die Frage, ob diese Seelen ihren Traum enttäuschen werden, wenn sie den Stimmen der Welt lauschen, verweist auf die Zerbrechlichkeit des inneren Liedes – jenes Lachen, das sich aus dem Lärm der Welt nicht mehr lösen lässt.
Weiße Seelen
Weisse Seelen mit den Silberschwingen,
Kinderseelen, die noch niemals sangen,-
die nur leis in immer weitern Ringen
zu dem Leben ziehn, vor dem sie bangen,
Werdet ihr nicht euren Traum enttäuschen,
wenn die Stimmen draussen euch erwachen,-
und ihr könnt aus tausend Taggeräuschen
nicht mehr lösen euer Liederlachen?
Das Gedicht von Rainer Maria Rilke ist Gemeinfrei.
Das Titelbild, ein Ausschnitt aus Heinrich Vogelers Gemälde „Abschied“ (1898), verstärkt diese Stimmung. Es zeigt nicht nur den Moment des Gehens, sondern auch das stille Verharren davor – ein Innehalten zwischen Nähe und Verlust. Die Verbindung zwischen Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke, zwischen Bild und Wort, macht deutlich, wie sehr Kunst Ausdruck jener leisen, melancholischen Wahrheiten sein kann, die uns oft mehr berühren als jede laute Aussage.
Rainer Maria Rilkes Zeilen sind ein Echo auf das, was wir oft nicht aussprechen können. Sie berühren das Herz, weil sie nicht nur vom Tod sprechen, sondern vom Leben davor – von der Sehnsucht, der Angst und der stillen Hoffnung, dass das Lied der Seele nicht ganz verstummt.
Angaben zur Grußkarte:
Titel: Blüte des Lebens
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
1. Auflage: Februar 2025
Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria),
Quelle:
Rainer Maria Rilke: Mir zur Feier. Landschaft, Verlegt bei Georg Heinrich Meyer – Berlin 1899, S. 11