Es gibt bei Rainer Maria Rilke sehr irritierende Gedichte wie beispielweise „Ich gehe unter rothen Zweigen“. Ich frage mich, ob das lyrische Ich sich über die Schwangerschaft seiner Angebeteten freut oder nicht.
Man weiß, dass Rainer Maria Rilke bei seinen Besuchen in der Künstlerkolonie „Worpswede“ Clara Westhoff kennenlernte, die beiden heirateten im April 1901. Sie wurde von ihm schwanger, doch damit konnte er nicht gut mit umgehen, nur ein Jahr später zerbrach die Ehe.
Um erst gar nicht die Gerüchteküche zum Kochen zu bringen: Das Gedicht verfasste er, bevor er Clara Westhoff kennenlernte. Doch somit öffnet sich der Weg für weitere Spekulationen: hatte der deutsche Dichter etwa schon vor Clara Westhoff ein Kind gezeugt? Oder beobachtete er bei jemand anderem das widersprüchliche Verhalten? Wie dem auch immer sei, da gibt es jede Menge Spekulatius in der Gerüchteküche.
Rainer Maria Rilke: Ich gehe unter rothen Zweigen
Ich gehe unter rothen Zweigen
Und suche einen späten Strauss.
Weiss nicht vor Glück wo ein und aus,
Mir ist so neu, mir ist so eigen;
Mein Lieb ist müd und ist zuhaus.
Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel
Seit sich sein Mieder weiter zieht,
Und seit ein Wunder ihm geschieht:
Bald hat es breite braune Scheitel
Und sitzt und singt ein Wiegenlied.
Dieser Text ist gemeinfrei.
> Infos zur Grußkarte: Arbre Rose
Quelle:
Rainer Maria Rilke: Advent, P. Friesenhahn Verlag – Leipzig 1898, S. 82