Die „Boston Female Society for Missionary Purposes“ (deutsch: Bostoner Frauenvereinigung für missionarische Zwecke) wurde am 9. November 1800 in Boston gegründet und gilt als eine der frühesten und einflussreichsten Frauenmissionsgesellschaften in den Vereinigten Staaten. Ihre Gründerin, Mary Webb, war damals erst 21 Jahre alt – und dennoch eine bemerkenswerte Persönlichkeit, die die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen ihrer Zeit bewusst herausforderte. Webb, die seit ihrer Kindheit im Rollstuhl saß, entwickelte eine außergewöhnliche organisatorische und spirituelle Kraft, die weit über Boston hinaus Wirkung entfalten sollte.
Gründung und frühe Ziele
Die Gründung der Gesellschaft erfolgte durch eine Gruppe von dreizehn Frauen, die sich zusammenschlossen, um missionarische Arbeit finanziell und organisatorisch zu unterstützen. In einer Zeit, in der Frauen kaum öffentliche Rollen einnehmen durften, war dies ein radikaler Schritt. Die Gesellschaft verstand sich als religiös motivierte Initiative, die Missionare entsandte, Berichte sammelte und soziale Projekte unterstützte.
Frühe Dokumente der Organisation – darunter Berichte aus den Jahren 1817 und 1818 – zeigen, wie engagiert die Mitglieder die Arbeit ihrer Missionare begleiteten und wie sorgfältig sie ihre Aktivitäten dokumentierten. Diese frühen Schriften belegen sowohl die organisatorische Professionalität als auch die spirituelle Ernsthaftigkeit der Gruppe.
Mary Webb – eine Pionierin der Frauenorganisationen
Mary Webb war nicht nur Initiatorin, sondern über 56 Jahre hinweg auch Sekretärin und Schatzmeisterin der Gesellschaft. Ihre Arbeit war ökumenisch geprägt: Obwohl sie Baptistin war, unterstützte sie Missionsarbeit über Konfessionsgrenzen hinweg. Ihr Wirken inspirierte die Gründung zahlreicher weiterer Frauenmissionsgesellschaften in Neuengland und darüber hinaus. Insgesamt förderte sie die Zusammenarbeit von über 200 Frauenorganisationen – ein Netzwerk, das in den folgenden Jahrzehnten erheblich anwuchs.
Wirkung und Weiterentwicklung
Die „Boston Female Society for Missionary Purposes“ war ein Ausgangspunkt für eine breite Bewegung: Frauen begannen, sich in religiösen und sozialen Bereichen zu organisieren, Schulen und Ausbildungsstätten zu gründen und Missionsarbeit aktiv mitzugestalten.
Aus dieser frühen Initiative entwickelten sich später größere und strukturiertere Organisationen. Ein Beispiel ist die „Women’s Baptist Home Mission Society of the East“, die 1877 in Boston gegründet wurde und viele der ursprünglichen Ziele weiterführte – darunter Bildungsprogramme, soziale Unterstützung und die Ausbildung von Missionarinnen.
Die „Boston Female Society“ selbst wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts Teil eines wachsenden Netzwerks von Frauenvereinen, die zunehmend professioneller arbeiteten und sich stärker sozialreformerischen Themen widmeten. Ihre frühen Aktivitäten legten den Grundstein für spätere Frauenbewegungen im religiösen und sozialen Bereich.
Vermächtnis
Heute gilt die „Boston Female Society for Missionary Purposes“ als ein Meilenstein in der Geschichte weiblicher Selbstorganisation in den USA. Sie war nicht nur ein religiöses Projekt, sondern auch ein gesellschaftlicher Wendepunkt: Frauen übernahmen Verantwortung, verwalteten Gelder, organisierten Netzwerke und beeinflussten die Missionslandschaft nachhaltig.
Mary Webb selbst wird in der Missionsgeschichte als Pionierin gewürdigt – eine Frau, die trotz körperlicher Einschränkungen und gesellschaftlicher Barrieren ein Netzwerk schuf, das Generationen von Frauen inspirierte und stärkte.
Kritische Perspektiven
Obwohl die „Boston Female Society for Missionary Purposes“ zu den frühesten und einflussreichsten Frauenorganisationen der amerikanischen Missionsgeschichte zählt, ist ihr Wirken aus heutiger Sicht nicht frei von Ambivalenzen. Die Gesellschaft war ein Produkt ihrer Zeit: religiös geprägt, moralisch missionarisch und fest eingebettet in die sozialen Hierarchien des frühen 19. Jahrhunderts. Genau daraus ergeben sich die zentralen Kritikpunkte.
Moralische Überformung und paternalistische Haltung
Wie viele Missionsgesellschaften ihrer Epoche vertrat auch die „Boston Female Society“ eine moralisch stark normierende Haltung gegenüber den Menschen, denen sie helfen wollte. Historische Berichte aus verwandten Missionsinitiativen in Boston zeigen deutlich, wie eng Hilfe und moralische Bewertung miteinander verknüpft waren. Besonders sichtbar wird dies in den zeitgenössischen Missionsberichten, die häufig eine Mischung aus Mitgefühl und deutlicher moralischer Missbilligung transportieren.
Ein Beispiel dafür findet sich in den Berichten der „Penitent Females’ Refuge Society“ (deutsch: Zufluchtsgesellschaft für reuige Frauen), einer verwandten Organisation im gleichen sozialen Umfeld. Dort wird die „Rettung“ von Frauen, die als moralisch gefährdet galten, in einem Ton beschrieben, der zwischen Fürsorge und scharfer Verurteilung schwankt. Diese Haltung war typisch für viele Missionsgesellschaften der Zeit und lässt sich als strukturelles Muster auch auf die „Boston Female Society“ übertragen.
Die moralische Überformung war also kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines breiteren religiösen Reformklimas, das soziale Probleme primär als moralische Defizite deutete.
Soziale Hierarchien und fehlende strukturelle Lösungen
Die frühen Frauenvereine in Boston — darunter auch die „Boston Female Society“ — verbanden karitative Arbeit mit einem starken Bewusstsein für gesellschaftliche Hierarchien. Historische Analysen zeigen, dass diese Organisationen zwar Hilfe leisteten, aber gleichzeitig soziale Distanz wahrten und selten strukturelle Ursachen von Armut oder Ungleichheit thematisierten.
Die Historikerin Anne M. Boylan beschreibt, dass viele dieser frühen Frauenvereine „soziale Melioration“ anstrebten, jedoch innerhalb eines Rahmens, der soziale Referenz und moralische Bewertung betonte. Die Hilfe galt häufig als moralische Erziehung, nicht als partnerschaftliche Unterstützung.
Auch die „Boston Female Society“ bewegte sich in diesem Spannungsfeld: Sie unterstützte Missionare, sammelte Berichte und finanzierte Projekte, doch ihre Perspektive blieb stark religiös-moralisch geprägt und weniger sozialreformerisch im modernen Sinne.
Begrenzte kulturelle Sensibilität
Wie viele Missionsgesellschaften der frühen 1800er Jahre agierte die „Boston Female Society“ aus einer zutiefst eurozentrischen Perspektive. Die Missionstätigkeit war darauf ausgerichtet, christliche Werte und Lebensweisen zu verbreiten — oft ohne tiefes Verständnis für die kulturellen Kontexte der Menschen, die sie erreichen wollte.
Die erhaltenen Missionsberichte, die die Gesellschaft sammelte und veröffentlichte, zeigen eine klare religiöse Zielsetzung, aber kaum Reflexion über kulturelle Vielfalt oder die Auswirkungen missionarischer Eingriffe. Die Quellen aus den Jahren 1817 und 1818 dokumentieren die Arbeit der Missionare, aber nicht die Stimmen derjenigen, die missioniert wurden.
Fortschritt für Frauen – aber innerhalb enger Grenzen
Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die Rolle der Frauen selbst. Die „Boston Female Society“ war zweifellos ein Meilenstein weiblicher Selbstorganisation. Doch gleichzeitig bewegte sie sich innerhalb der engen Grenzen, die die Gesellschaft Frauen damals zugestand: religiöse Wohltätigkeit, moralische Erziehung, häusliche Tugenden.
Mary Webb und ihre Mitstreiterinnen erweiterten diese Grenzen mutig — aber sie konnten sie nicht vollständig sprengen. Ihre Arbeit stärkte Frauen in organisatorischen und spirituellen Bereichen, blieb jedoch eingebettet in ein System, das Frauen primär als moralische Hüterinnen verstand.
Fazit
Die „Boston Female Society for Missionary Purposes“ war eine bedeutende Kraft in der frühen amerikanischen Frauen- und Missionsgeschichte. Doch ihr Wirken war geprägt von den moralischen, sozialen und kulturellen Vorstellungen ihrer Zeit.
Aus heutiger Perspektive lässt sich festhalten:
- Sie war ein wichtiger Schritt für weibliche Selbstorganisation,
- aber gleichzeitig Teil eines paternalistischen, moralisch normierenden Systems.
Diese Ambivalenz macht die Gesellschaft historisch interessant — und ihre kritische Betrachtung notwendig.
Angaben zur Grußkarte:
Titel: Bestickter Koffer
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte: innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
1. Auflage: Oktober 2025
Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Seide (vermutlich Made in Germany), Karte aus 200g/m2 (Made in Austria)
Quellen:
- Helga Hiller: Ökumene der Frauen. Anfänge und frühe Geschichte der Weltgebetstagsbewegung in den USA, weltweit und in Deutschland, Deutsches Weltgebetstagskomitee 1999, 90547 Stein, S. 27
- School of Theology, englisch (₪): Webb, Mary (1779-1861). Pioneer in organizing American women for the support of missions, zuletzt besucht am 09.02.2026
- Archive, englisch (₪): A brief account of the origin and progress of the Boston Female Society for Missionary Purposes: with extracts from the reports of the Society, in May, 1817 and 1818, and extracts from the reports of their missionaries, Rev. James Davis, and Rev. Dudley D. Rosseter, zuletzt besucht am 09.02.2026
- Stanford University, englisch (₪): A brief account of the origin and progress of the Boston Female Society for Missionary Purposes. [electronic resource] : With extracts from the reports of the Society, in May, 1817 and 1818, and extracts from the reports of their missionaries, Rev. James Davis, and Rev. Dudley D. Rosseter., zuletzt besucht am 09.02.2026
- American Baptist Historical Society, englisch (₪): First Women’s Missionary Society Formed, zuletzt besucht am 09.02.2026