Wann

Mai 15, 2026    
Ganztägig

Veranstaltungstyp

Am Abend des 15. Mai 1874 lag ein eigenartiger Dunst über dem Atelier des Fotografen Nadar. Die erste Ausstellung jener jungen Maler, die sich trotzig gegen die akademischen Regeln stellten, war zu Ende gegangen. Die Zahlen waren ernüchternd:

  • 500 Besucher, jeder hatte 1 Franc Eintritt gezahlt.
  • Jeder Künstler hatte 60 Franc Teilnahmegebühr entrichtet.
  • Für jedes verkaufte Werk gingen 10 % Provision an Nadar.
  • Insgesamt waren nur etwa 3.600 Franc an Verkäufen zusammengekommen.
  • Und am Jahresende mussten die Künstler noch einmal 184,5 Francs nachzahlen.

Für viele war das ein Schlag in die Magengrube.

Für Claude Monet war es ein Stich ins Herz.

Er hatte sich im Vorfeld für eine kleine, intime Ausstellung ausgesprochen (siehe: Kleine oder große Ausstellung, Monsieur Monet) — etwas Überschaubares, etwas, das nicht so laut und großspurig daherkam. Doch die Gruppe hatte sich für Nadars Räume entschieden, hoch oben über den Boulevards, mit viel Aufmerksamkeit, aber wenig Verständnis von außen.

Monet stand nun am Fenster, die Hände in den Taschen, die Stirn angespannt.

Er dachte an die Kritiken, an die Spötteleien, an das Wort „Impression“, dass ein Journalist wie eine Beleidigung hingeworfen hatte. Und er dachte an die Schulden, die sich wie ein grauer Schleier über seine Zukunft legten.

„Was für ein Fiasko“, murmelte er.

In diesem Moment hörte er ein leises Kratzen am Fenstersims.

Eine Elster hatte sich dort niedergelassen — schwarzweiß, wachsam, mit einem Blick, der schärfer war als jede Kritik.

Monet blinzelte. „Na, was willst du denn hier? Willst du mir auch sagen, dass meine Bilder unfertig aussehen?“

Die Elster neigte den Kopf.

Und obwohl sie kein Wort sprach, war ihre Botschaft klar, fast frech: „Du siehst nur das, was fehlt. Schau doch einmal auf das, was entstanden ist.“

Monet seufzte. „Entstanden? Wir haben kaum etwas verkauft.“

Die Elster hüpfte ein Stück näher, als wolle sie ihn stupsen.

Und plötzlich erinnerte er sich: Ernest Hoschedé hatte sein Gemälde „Impression – Sonnenaufgang“ für 800 Francs gekauft. Ein Werk, das später der ganzen Bewegung ihren Namen geben sollte.

„Ein Käufer“, dachte Monet. „Einer, der es verstanden hat. Einer, der etwas gesehen hat, das die anderen nicht sehen wollten.“

Die Elster flatterte kurz mit den Flügeln, als würde sie sagen: „Ein Anfang ist ein Anfang. Und du hast deinem Bauchgefühl vertraut — genau das ist dein Weg.“

Monet spürte, wie sich etwas in ihm löste.

Nicht Euphorie, nicht Triumph — eher ein stilles, zartes Einverständnis mit sich selbst. Vielleicht war diese Ausstellung nicht der Durchbruch gewesen, den er sich erhofft hatte.
Aber sie war ein Schritt.

Ein erster, unbeholfener, mutiger Schritt. Und manchmal, dachte er, reicht ein Schritt, um eine Richtung zu bestimmen.

Ein leiser Nachhall in der Gegenwart

Wenn man heute die Grußkarte „Energieleuchter“ betrachtet — die schwungvolle rote Kerze aus Faden, die wie ein pulsierender Funke wirkt, und dahinter der Ausschnitt aus Monets Gemälde „Die Elster“ — dann schwingt genau dieser Moment mit: Die Kerze steht für die innere Glut, die trotz Ernüchterung weiterbrennt. Die Elster erinnert daran, dass selbst im Frust ein Hinweis steckt, ein Lernmoment, ein stiller Verbündeter. Und zusammen erzählen sie dieselbe Botschaft, die Monet damals am Fenster empfing:

Auch wenn der Weg holprig beginnt — das Licht in dir bleibt.
Und manchmal genügt ein einziger Blick einer Elster, um dich daran zu erinnern.

 


Quellen: