Es gibt Tage, die fühlen sich so an, als würden sie von der Zeit überholt werden. Sekunden, Minuten, Stunden haben dann eine Geschwindigkeit, als säße ich in einem rasenden Zeitkörper, und die Welt würde zu fließenden Streifen und ich fühle mich nicht imstande, den Zug anzuhalten und auszusteigen. In solchen Momenten spüre ich die Zeit nicht als Maß, sondern als Bewegung, die schneller ist als ich. Mein Körper reagiert darauf, als würde eine innere Flut über ihre Ufer treten. Unruhe breitet sich aus, die Konzentration zerfasert, und ich merke, wie ich dem Tag nachblicke, der sich mir entzieht, statt ihn zu begleiten. Ich fühle mich gehetzt und möchte mit dem Seidengarn die Grußkarten verzieren, aber je gehetzter ich mich fühle, desto weniger gelingt es mir.
Zum Glück gibt es Momente, in denen sich die Zeit öffnet. Ich bin wach, präsent, verbunden mit dem, was ich tue, freue mich über jeden Fortschritt, meine Gedanken kreisen um das jeweilige Thema, wie bei dieser Karte. Während ich daran arbeitete, wich das Gehetztsein von mir, ich wurde ruhig, stellte mir zwischendurch vor, wie Empfänger*innen möglicherweise auf dieses Motiv reagieren: Finden sie es schön oder irritierend? Bereitet ihnen die dominante Präsenz der Uhrzeiger Unbehagen? Fällt ihnen auf, dass sich die Spirale gegen den Uhrzeigersinn windet?
Wenn jedoch die Müdigkeit kommt, wird das Arbeiten zäh, die Fäden sträuben sich, als hätten sie ihren eigenen Willen, es fühlt sich so an, als würde der Faden sich weigern, meine Spur aufzunehmen, es verhält sich widerspenstig und auch mein Zeitgefühl ist zäh. Vor einigen Jahren las ich das Buch „Aus der Zeit fallen“ von David Grossman. Darin beschreibt er die verschiedenen Facetten eines Verlusts von einem nahestehenden Menschen. Der Titel des Buches beschäftigt mich immer wieder und ich kenne beide Zustände: wenn ich mich gehetzt fühle, Unruhe meinen Körper erfasst, fühlt es sich an, als wäre ich aus dem Gehäuse der Zeit geglitten. Bin ich hingegen wach, präsent, dann bin ich in der Zeit, ich bin gegenwärtig. Das Motiv „Zeitverfließen“ ist für mich ein Spiegel dieser Erfahrung. Die Angabe der Uhrzeit von 6.20 Uhr hat nichts Unangenehmes, nichts Erschreckendes, hingegen deutet eine Spirale, die sich gegen die Ordnung der Zeit auflehnt, mein unangenehmes Gefühl an, die Wellen rauschen wie ein innerer Aufruhr, der mich durchdringt. Beides gehört zu mir, die unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit kann ich nur bedingt kontrollieren. Und vielleicht liegt genau darin der Segen, die Zeit nicht zu zähmen, sondern sie wie einen stillen Gast zu empfangen, offen genug zu sein, um sie fließen zu lassen.
Angaben zur Grußkarte:
Titel: Zeitverfließen
Größe (B x H): ca. 10,5 x 14,8 cm
Ausstattung: Faltkarte; innen mit Leinenpapier (Möglichkeit eines persönlichen Grußes und ähnliches), weißer Briefumschlag aus Leinenpapier
1. Edition: Oktober 2026
Materialverwendung und Herkunft (sofern ermittelbar):
Fäden allesamt aus 100% Baumwolle (vermutlich Made in Germany), Karte aus Leinenpapier (Made in Germany)
