Blaues Gebäude, innere Wege

Juni 16, 2026
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Als ich noch Studentin an der Universität in Siegen war, hing im Hauptgebäude im Foyer ein großes Plakat mit den Worten: Siegen heißt Verlieren. Schönes Wortspiel – und doch traf es mich damals auf eine Weise, die ich nicht ganz verstand. Was ich nie herausfinden konnte, worauf sich das „verlieren“ genau bezog, war die Stadt damit gemeint oder die Uni? Wenn die Uni damit gemeint war, welche Kritikpunkte gab es, die einem nahelegten, dass man zu einem Verlierer wurde? Aber der Slogan war eingängig und ich machte ihn mir zu eigen.
Wenn ich heute rückblickend auf meine Studentenzeit schaue, dann war es eine Zeit des Ausprobierens, ein tastender Versuch, einen neuen Weg einzuschlagen. Und es gab dort Begegnungen, Freundschaften, die teilweise bis heute anhalten.

Das blaue Gebäude ist in seiner Form klar und diese Klarheit wird durch die Farbgebung unterstrichen. Diese blaue Farbe erweckt bei mir den Eindruck von etwas Himmlischem, es ist schön, aber für mich unerreichbar. Und es hat etwas Kaltes, eine Kälte, die ich auf meiner Haut spüre, meine Poren ziehen sich zusammen und jeden Augenblick könnte ein Zittern durch meinen Körper gehen, um mich wieder aufzuwärmen. Aber nichts dergleichen geschieht, und etwas in mir wird still in dieser Kälte.

Blicke ich auf dieses Gebäude, dann fehlt mir etwas. Ich kann nicht genau beschreiben, was mir konkret fehlt, vielleicht eine stille Weite, in der ich frei denken kann, ein Gefühl dafür, dass ich mich kreativ entfalten kann, in der ich nicht nur Wissen aufnehme, sondern spielerisch es mit anderen Elementen verbinde, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, und es steigt in mir ein leises Bedauern auf. Damals wagte ich so wenig für mich. Mir fehlte der Mut, die ausgetretenen Wege zu verlassen und die kleinen Trampelpfade zu suchen.

Vielleicht ist mein Eindruck durch meine Erfahrung gefärbt. Mit großen Erwartungen nahm ich mein Studium auf, in erster Linie waren es Erwartungen an mich selbst. Meinen Erwartungen wollte ich gerecht werden und so lernte ich, paukte ich, stürzte mich hinein – und stürzte dabei ab. Ich wurde krank, sehr krank und mit der Krankheit platzten meine Träume wie Seifenblasen. Als meine Träume platzten, war es, als würde etwas in mir immer wieder zerreißen. Mit jedem Verlust wurde mein inneres Gebäude brüchiger. Nur allmählich sah ich eine Chance in dieser derben Niederlage, doch dafür benötigte ich Zeit, viel Zeit. Ich zog mich zurück und sprach mit niemandem darüber. Es fühlte sich an wie ein Zusammenbruch, den ich erst einmal allein halten musste. Nach außen verkaufte ich es als eine coole Entscheidung, als sei es eine gut überdachte verantwortungsbewusste Entscheidung, doch das war es keineswegs. Ich hatte keinen Plan B, den konnte ich mir erst Schritt für Schritt erarbeiten.
Es mag komisch klingen, aber letztendlich war ich für meine Erkrankung dankbar. Nun konnte ich meine Motivation überhaupt erst sehen. Und was ich sah, war nicht leicht auszuhalten. In erster Linie wollte ich meiner Familie beweisen, dass auch eine Frau studieren kann, ich wollte meinem Umfeld beweisen, dass ich intelligent bin. Natürlich wollte ich auch möglichst viel Wissen anhäufen, aber – und das verstand ich erst viel später – es wäre ein Wissen gewesen, das mir andere mehr oder weniger vorgekaut hätten, es wäre ein Wissen gewesen ohne eigene Erfahrungen, ein leeres Wissen, ein Wissen ohne persönliches Fundament. Und ganz allmählich wurde aus dieser Dankbarkeit ein Weg, auf dem ich weitergehen konnte.

Vielleicht ist es deshalb stimmig, dass dieses blaue Gebäude nun den Hintergrund einer Grußkarte bildet – ein kleiner Gruß aus einer Zeit, die mich geprägt hat.